“Mein Sohn hat den Jan zum Geburtstag eingeladen”

“Oh Gott. Und was machst du jetzt?”

“Ich hab ihm gesagt: Den Jan darfst du nicht einladen. Alle anderen gern. Jans Mutter versteht das ja”

Jan ist mit seinen 8 Jahren in der Schule zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt, weil er dieses eine Kind ist, das ständig stört.

Er ist immer in Bewegung. Er plappert, rappelt, hibbelt, hüpft und kaum dreht der Lehrer sich um, witscht Jan durch die ganze Klasse und winkt fröhlich dem Hausmeister unten auf dem Schulhof zu. Jan ist dummerweise auch noch ziemlich lustig, was die Klasse regelmäßig völlig aus dem Ruder bringt.

Wenn er wütend wird, entwickelt er Riesenkräfte und ist nicht mehr zu bändigen. Er brüllt und ist völlig außer sich. Tante Hilde sagt, er könnte Adhs haben. Der Lehrer hat auch schon etwas angedeutet. Es gab es schon so manche Krisensitzung mit einem Thema: Jan

adhs kind

Bild: Pixabay, Rainer Maiores

Was ist Adhs überhaupt?

Adhs steht für Aufmerksamkeits- defizit- hyperaktivitäts-Syndrom. Kinder mit Adhs haben Störungen in drei Bereichen: Der eigenen Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der motorischen Aktivität.

Das klingt jetzt ganz schön nach Fachgeschwafel. Verständlicher ausgedrückt: Kinder, die Adhs haben, können ihre Aufmerksamkeit schlechter steuern, das heißt, sie nehmen vieles gleichzeitig wahr und es fällt ihnen schwer zu filtern.

Sie können ihre Handlungen und Impulse schwerer kontrollieren und rasten daher heftig aus oder handeln vollkommen unüberlegt. Sie sind ständig in Unruhe, Bewegung, Anspannung und Aktion.

Symptome von Adhs beim Kind

Die Symptome sind:
  • Nicht stillsitzen können
  • schnelles “in die Luft gehen”
  • “kopflose” Handlungen
  • Unruhe
  • Zorn
  • ständige Anspannung

“Oh Gott!”, denkst du jetzt bestimmt. “Mein Kind hat Adhs!”. Aber ich kann dich beruhigen: Du kannst diese Symptome bei fast jedem Kind feststellen!

Es gibt natürlich die ruhigen, in sich gekehrten, gediegenen Kinder, die gerne stundenlang malen oder Zöpfe flechten.

Aber alle anderen Kinder zeigen oft das oben genannte Verhalten und das ist ganz normal und hat nichts mit Adhs zu tun.

Hat mein Kind denn nun Adhs?

Das kann nur ein Arzt, der extra dafür ausgebildet wurde, entscheiden: kein Lehrer, kein Erzieher, keine Tante Hilde, diese Personen dürfen das eigentlich nicht mal äußern, vor allem nicht die pädagogischen Fachkräfte. Adhs haben nur 2-5 % aller Kinder. Aber unter dem Verdacht, Adhs zu haben, steht ein Kind leider schnell. Wenn es stört, nämlich. 

Adhs hat dein Kind also nur, wenn wirklich passende Tests durchgeführt wurden, wenn eine Diagnose erstellt wurde.

Außerdem muss dein Kind dafür in zwei großen Lebensbereichen die gleichen Symptome aufzeigen: wenn es also nur in der Schule unruhig ist, dann hat es definitiv kein Adhs. Zwei Lebensbereiche, das bedeutet: Schule und Freizeit. Oder Schule und Hort.

Wann soll ich denn Adhs bei meinem Kind testen lassen?

Wenn du wirklich feststellst, dein Kind hat in zwei großen Lebensbereichen Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, selbst, wenn es wirklich, wirklich motiviert ist. Also nicht: der Lehrer sagt, er solle die Seite abschreiben und er bleibt nicht dran. Sondern: er selbst möchte sich das Schwert aus Holz schnitzen und es klappt einfach nicht, sich zu konzentrieren.

Wenn du das Gefühl hast, dein Kind leidet unter dieser inneren Rastlosigkeit selbst stark.

Wenn ihr beide wirklich viel Druck von Außen bekommt, einen Test zu machen, muss man gut abwägen: einerseits kann ein klarer Ausschluss von Adhs helfen, andererseits kann es dein Kind auch stark stressen, überhaupt getestet werden zu müssen. Ich würde in so einem Fall beim Arzt meines Vertrauens einen Termin machen und mich beraten lassen.

Nicht jedes Kind, das wild und überschießend ist hat Adhs!

So warnt der Heilpädagoge Henning Köhler in einem Interview davor, Kinder zu schnell in ein Krankheitsbild “zu stecken”, sie zu pathologisieren. 

Genauso wenig ist es die “Schuld” und das Versagen der Eltern, wenn Kinder sich nicht angepasst verhalten. 

Viel mehr ist es sehr schwer für ein Kind mit Bewegungsdrang und Kraft sich in unsere bewegungslose Welt einzufügen, zu sitzen, geführt zu werden, zu “funktionieren”. Kein Wunder rebellieren viele Kinder dagegen. 

Warum sagt der Lehrer dann, dass Jan Adhs haben könnte?

Weil er von Jans Verhalten wahrscheinlich ziemlich genervt und überfordert ist. Vielleicht ist Jan sogar schon öfter mal frech zu ihm gewesen.

Er ist erschrocken, wie er ausrasten kann und wie wütend er werden kann und empört darüber, dass er nicht ruhig ist und zuhört.

Jan lässt regelmäßig seinen Unterricht explodieren und darum fühlt sich der Lehrer ohnmächtig. Und das macht wütend. Dann sagt er, es müsse an Jan liegen, denn ohne ihn ist alles besser.

Wie kannst du Jan und seinem Lehrer Helfen?

Natürlich verletzt es Jans Mama wahrscheinlich, wenn der Lehrer solche Probleme mit ihm hat. Um beiden gemeinsam zu helfen, wäre es gut, wenn sie einen offenen Umgang miteinander finden könnten. Alle drei.

Wenn das möglich ist, kann man sicher Wege aushandeln, wie Jan seinem Bewegungsdrang im Unterricht nachkommen kann, oder gemeinsam überlegen, wie Jan in den Unterricht integriert wird.

Wenn du als Mutter verletzt „dicht machst“, hilfst du weder Jan noch seinem Lehrer. Das ist eine sehr heikle Situation und je mehr sie schon verfahren ist, desto besser ist es, sich hier vielleicht Hilfe in der Kommunikation zu  holen.

Manche Kinder sind eben wirbeliger und ecken ständig an.

adhs kind

Bild: Pixabay, Sasint

Michel aus Lönneberga ist auch ein klassisches Adhs-Verdächtiges Kind.

Er stört wie Jan in der Schule und bringt seine Eltern zum Wahnsinn. Aber er zeigt eine ganz klare Konzentration auf seine eigenen, selbsterdachten Projekte. Er ist fokussiert und lässt sich nicht abbringen. Michel hat in meinen Augen absolut kein Adhs.

Michel hat es gut und kann seinen Tatendrang auch voll ausleben. Er hat einen ganzen Hof zur Verfügung, er hat genügend Bewegung, Anforderungen, kann sich selbst und seine Grenzen und Fähigkeiten erfahren und genießt die volle Freiheit.

Doch unser enge Welt ist ganz anders

Die meisten Kinder in unserer Welt haben einen straffen Terminplan, wenig Bewegung und vor allem: kaum Freiheit. Und dagegen hilft auch ein mit Spielzeug überfülltes Kinderzimmer leider wenig.

Unsere Kinder hetzen von Ergotherapie zum Reiten, von Flöte für die Kleinen zu Yoga und dann dürfen sie kontrolliert im Kinderturnen toben. Eine Stunde lang und unter Anleitung.

Unsere Kinder sitzen in der Schule und müssen Leistung erbringen. Sie sitzen und schreiben kleine Buchstaben, was leider Jungen sowieso in ihrem Lernverhalten überhaupt nicht entgegen kommt, was die Hirnforscherin Birkenbihl schon längst festgestellt hat. Und wenn sie das nicht schaffen? Gibt es Gespräche, schlechte Noten und richtig, richtig viel Ärger.

Keine Zeit

Jan ist sehr sensibel und sehr offen. Er findet nur schwer eine Ruhe in sich. Die vielen Reize und der Stress strömen auf ihn ein und machen ihn ganz kribbelig.

Er versucht alles, was er erlebt zu verarbeiten und ist damit vermutlich oft überfordert, denn er findet keine Zeit und keine Ruhe, dies zu tun. Also stört er.

Die “Waldorfs” nennen Kinder wie Jan: “Sinnesoffen”. Eine Ärztin sagte zu  mir einmal: “Sinnesoffen sind doch heute fast alle Kinder. Sogar die Erwachsenen”. Und das glaube ich auch. Doch nicht jeder setzt die innere Unruhe und Reizüberflutung so um wie Jan. Andere Kinder versinken in sich selbst und schotten sich ab. Wieder andere weinen viel und ziehen sich zurück. Jan geht eben nach Außen und zeigt sich mit seinem Chaos.

Und was würde Jan denn wirklich helfen?

Zwei wesentliche Dinge.

1. die Möglichkeit, Erfahrungen und Reize selbstbestimmt zu verarbeiten
adhs kind

Bild: Pixabay, Pezibear

Viel freie Zeit in größtmöglicher Freiheit. Nachmittage auf dem Spielplatz, im Garten, ja auch zu Hause und die Möglichkeit in seine eigene Welt zu verschwinden und alles zu verarbeiten und umzusetzen, was er erlebt und sieht, hört und fühlt.

Das kindliche Spiel, ist schon ganz von selbst in unseren Kindern angelegt und dient genau dazu, zu verarbeiten, zu verstehen, wie der Schwabe sagen würde: “zu verschaffen”.

Kein angeleitetes, pädagogisch wertvolles Spiel. Nein, das Spiel, das aus Jan selbst entsteht und kommt. Denn in diesem Spiel, wird er sich genau die Bedürfnisse erfüllen, die er hat, nach Bewegung, nach Ruhe, nach Nachahmung und Lernen. Wie dein Kind in sein vertieftes Spiel findet, kannst du auch in meinem neuen Buch nachlesen: „Schluss mit dem Mama-Stress

2. Zur Ruhe finden

Damit Jan sich in seinem Körper wohl fühlt, zu sich findet und wirklich zur Ruhe kommen kann, ist es gut, wenn wir ihm dabei helfen. Denn das ist schwer und manchmal toben Kinder, obwohl sie schon längst nicht mehr können.

Wir denken, sie müssen toben, um endlich müde genug zu sein. Doch in Wirklichkeit sind sie das schon längst und finden nur den “Ausschaltknopf” nicht und geben darum immer mehr Gas. Man merkt es auch oft daran, dass sie sich dann vermehrt den Kopf anhauen, irgendwo waghalsig herunter springen und sich verletzen.

Dann ist es höchste Zeit, dass wir den „Ausschalter“ betätigen.

Und wie?

Du kannst dein Kind zu dir nehmen, ihn wirklich nah zu dir setzen und ihm etwas vorlesen. Etwas Einfaches, was er vielleicht schon kennt. Keine aufregende neue Geschichte.

Du kannst ihn auch gemütlich auf ein Handtuch ins Bad legen und ihn einölen und massieren. Am besten am ganzen Körper. Das wärmt und dein “Jan” fühlt sich in seinem Körper viel mehr Zuhause. Er kann ankommen und zur Ruhe kommen. Die meisten Kinder lieben das.

Wenn dein Kind schon etwas geübter darin ist, zur Ruhe zu finden, kannst du es natürlich auch einfach zu ihm sagen: “Ich glaube, du suchst dir jetzt eine ganz gemütliche Beschäftigung. Malen oder Lesen” – aber das ist wirklich erst möglich, wenn dein Kind das “Ruhe finden” schon kann.

Und was ist noch wichtig?

Überprüfe dich selbst. Tja, da unsere Kinder uns nämlich so wunderprächtig spiegeln und nachahmen (Und Kinder ahmen nicht nur äußerlich nach, sondern auch, was du im Innern tust), ist es unumgänglich, dich selbst zu überprüfen.

Finde ich überhaupt zur Ruhe?

Bin ich ständig gestresst?

Fühle ich mich wohl in meinem Zuhause, in meinem Körper oder hetze und flüchte ich selbst ständig?

Dann versuche für dich zu sorgen, in dem du deinen eigenen „Ausschaltknopf“ findest!! Falls dies dein Thema ist, lies hier weiter:-)

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