Kind hört nicht und ist aggressiv (4 Gründe)

Mist.
Wo ist nur der Ranzen?
Er stand in der Nacht hinter dem neuen Hühnerhaus.
Es hat in der Nacht geregnet: alles nass.

Mein Kind kam nach Hause und sah, dass die neuen Hühner draußen waren. Das war so spannend. Er fütterte sie mit Bärlauch.
Schule sofort vergessen.

Das war ein guter Tag. Aber wir haben nicht jeden Tag neue Hühner.

An anderen Tagen kommt er heim und tut nichts. Nein. Er sitzt nicht da und tut nichts, er tut nichts, was angenehm, freundlich, kooperativ oder auch nur neutral wäre. Er ärgert, hänselt, schubst. Sein Lieblingssatz? „Nö, mach ich nicht!“

Mein Kind hört nicht und ist aggressiv.

Hausaufgaben? Schuhe ins Regal stellen? Tisch decken? Nett zum Bruder sein? Nö. Mach ich nicht. Bäh. Blöde Mama.

Kennst du das?
Dann lies hier.

 

1. Das Kooperationsfass

Man stelle sich vor, ein Kind hat ein großes Fass voller Kooperationsbereitschaft. Und wirklich: das hat jedes Kind.
Damit, mit diesem Fass, geht es am Morgen in die Schule. Dort muss es sich hinsetzen, zuhören, leise sein. Es muss aufstehen und Pause machen, Essen, Trinken, draußen spielen. Wieder rein kommen. Wieder sitzen. Es muss den Raum wechseln, den Lehrer wechseln, es muss die anderen vorlassen. Es muss vor anderen sprechen. Es muss sich melden. Es muss Lärm aushalten und muss im Raum bleiben.

Natürlich gibt’s auch in der Schule Unterrichte, die mit weniger „Muss“ angefüllt sind. Unterrichte, die deinem Kind entgegen kommen, oder gerade voll seinen Nerv treffen. Also spannend sind. Es gibt Unterrichtsformen, die freier sind, die Kinder mehr selber machen lassen, oder die die Kinder in ihrem Tun aufgehen lassen.

Aber im Großen und Ganzen muss dein Kind den ganzen Vormittag müssen: es kooperiert. Selbst Kinder, die stören, tun doch ihr Bestes um den Rest der Zeit dass zu machen, was der Lehrer möchte. Sonst wäre es gar nicht möglich, einen Unterricht überhaupt zu halten.

Das ist also so, als würde den ganzen Vormittag (bei älteren Schülern sogar noch mehr) Kooperation aus ihnen herauströpfeln.

Und dann kommen sie heim.

Und die Kooperation ist aufgebraucht. Einfach weg. Fass leer.

Wenn du ganz aufmerksam bist, kannst du es sogar sehen: die Anstrengung, auch nur das kleinste Bisschen jetzt noch so zu machen, wie es „müsste“.

 

2. Selbstbestimmt Leben

Menschen haben das Bedürfnis nach Selbstbestimmung.

Kinder auch.

Kinder, vor allem im Schulalter, sind geradezu süchtig nach Selbstbestimmung: denn in ihrem Alter ist genau dass ihr Lernfeld. Mit 7 fängt ein Kind an, immer mehr an Selbständigkeit zu gewinnen: denn irgendwann ist es groß und geht in die Welt und bis dahin sollte es doch soviel geübt haben, dass es das auch kann: in die Welt gehen.

In vielen Schulen versuchen tolle Lehrer diesem Bedürfnis auch Rechnung zu tragen. In anderen weniger. Aber insgesamt ist es doch so, wenn es Lehrpläne gibt, wenn es große Klassen gibt, wenn es Prüfungen und Vorgaben gibt, dann gibt’s da nicht viel Selbstbestimmtheit.

Du kannst das super verstehen, dieses Gefühl. Denk mal dran, wie das war (oder ist), wenn du gerade nur den Tisch abwischen willst, aber dein Kleinkind quengelnd an deinem Bein hängt. Anstatt also den Tisch abzuwischen, nimmst du es hoch und trägst es herum. Du fühlst dich verhindert und gefangen.

Ein Kind kann diese Zeit aushalten. Es kann seine Selbstbestimmung teilweise abgeben. Es fällt ihm aber brutal schwer und wenn es dann nach Hause kommt, will es nicht schon wieder hergeben. Es ist ausgelutscht und ausgepowert, so wie du, nach einem anstrengenden Tag mit deinem zahnenden Kleinkind.

 

3. Wirksam sein

Schulkinder wollen das Gefühl haben, wirksam zu sein. Und das kann ich ohne mit der Wimper zu zucken pauschalisieren.

Sie wollen Erfolg haben, mit dem was sie tun.

Es gibt natürlich Kinder, die ihre Selbstwirksamkeit darin erleben, gut in der Schule zu sein. Sie schreiben gute Noten oder bekommen gute Resonanz.

Und dann gibt es die anderen Kinder.
Die nicht wirksam waren in der Schule. Deren Stärken leider anders gepolt sind: auf praktischem Tun, auf emotionalem Erleben, auf Herz und Hand. Die „zarten“ Kinder, die lauschen und erleben, die jede Störung stark empfinden.

Auch dieser Topf ist leer nach der Schule: der Topf mit dem Einfluss-haben, Wirksam-sein.

Natürlich gibt es Termine oder Erledigungen, die dann außer Frage stehen. Zahnarzt oder J-Untersuchungen, oder was immer. Das verlangt dann noch einmal das ganze Potential an Kooperation, sich zurückhalten, zurückstecken von deinem Kind ab.

Der Wunsch, die Sehnsucht, das Bedürfnis bleibt: nach Wirksamkeit. Nach Einfluss.

 

4. Mensch sein

Viele Kinder, wahrscheinlich die meisten Kinder, strengen sich für die Schule unglaublich an. Und diese Anstrengung, von der ich spreche, wird oft überhaupt nicht gesehen.

Der Lehrstoff ist nicht gemeint.

Sondern diese Anstrengung, sich in den Schultag einzufügen, in einer großen Klasse klarzukommen. Seine eigenen Interessen zurück zu stecken und für die Vorgaben Interesse aufzubringen. Zu tun, was verlangt wird, ist eine Anstrengung.

Es ist Anstrengend.

wenn man es sichtbar machen würde, würde dein Kind wahrscheinlich schweißgebadet aus der Schule kommen. Aber Psychische Anstrengung sieht man eben nicht.

Dein Kind kommt also nach Hause und ist psychisch „schweißgebadet“. Es hat sich angestrengt! Und sieht diesen Nachmittag vor sich. Den Nachmittag voller Hausaufgaben, voller Tischabräumen, voller Schuhe ins Regal stellen, voller Lego aufsammeln, voller Mussichnochmachen.

Es weigert sich. Schluss aus. Blöde Mama.

Aber warum tut es das erst zu Hause?

Weil es sich dort angenommen fühlt. Weil es weiß, dass du es trotzdem liebst. Weil es irgendwo ein Ventil braucht. Und weil es dir vertraut.
Weil es kann.
Deshalb.

 

5. Was können wir also tun?

Es mag sich vielleicht so anhören, aber ich will Schule nicht verteufeln.
Schule gibt den Kindern neue Aufgaben auf. Um ein Kind zu begleiten, braucht es ein Dorf und Schule kann ein Teil davon sein.

Aber sie strengt an. Sehr.

Sich das als Eltern bewusst zu machen, ist im Grunde die halbe Miete: Verstehen. Verstehen, in welchem „Zustand“ dein Kind von der Schule kommt.

Wenn du verstehst, dann kannst du auch ändern.

Das heisst:

  • erstmal für Ruhe sorgen. Erholung.
  • Großzügig sein: über kleine Verfehlungen einfach hinweg gehen. Dann räumst du halt heute die Schuhe ein und den Ranzen auf.
  • Wirksamkeit zulassen: was machen wir heute, worauf hast du Lust?
  • Unnötiges Programm streichen. Zuviel „Muss“ abschaffen!
  • Auch mal ein Entschuldigungsbrief für nicht erledigte Hausaufgaben schreiben. Wenn das geht.
  • Hinter deinem Kind stehen. Mit Verständnis!

Solange es das System „Schule“ gibt, solange wird es unsere Aufgabe als Eltern sein, das Kooperationsfass am Nachmittag wieder zu füllen. Solange wird es unsere Aufgabe sein, auszugleichen.

Meine Erfahrung?

Sobald dir bewusst ist, was für eine doppelte und dreifache Leistung dein Kind am Morgen vollbringt, entspannt sich die Situation. Du erwartest weniger. Du verstehst mehr. Dein Kind spürt das sofort:
die Tore für Kooperation stehen wieder offen.
Deine auch. Denn du musst nicht so viel Angst haben, dein Kind zu verwöhnen. Das braucht es jetzt nämlich!

Ich wünsch euch verständnisvolle Nachmittage,
wenig und leichte Hausaufgaben
viel Zeit zum Spielen

und Mensch sein.

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Urheberrechtliches: Das Bild stammt von TheoRivierenlaan, 15. Mai 2017, Pixabay

About the Author Susanne

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2 comments
Martina says 23. Mai 2018

ein sehr schöner Beitrag! Und einleuchtend. Danke dafür. Gilt eigentlich auch für den Kindergarten und -krippe!!

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    Susanne says 23. Mai 2018

    Hallo Martina!
    Ja, da hast du Recht und ich kenne dieses Phänomen auch schon aus Kindergartenzeiten von meinem Großen:-)

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