„Ist das normal“? Verstehst du, warum dein Kind so ist? (Mehr Elternkompetenz in 4 Schritten)

„Ist das normal?“
Das fragst du dich bestimmt auch manchmal.
„Ihr Kleiner nimmt den anderen ständig das Spielzeug weg“
Kritisiert ist schnell. Kritik tut weh. du zweifelst an deinem Kind. Hast dus verbockt? Hast du dem Kind irgendwas vorgelebt, was nicht gut war? Am besten noch den Partner kritisieren oder verdächtigen.

Doch anstatt ständig an dir oder an deinem Kind zu zweifeln: zu ver-zweifeln, weil es immer noch nicht „sozial“ denkt, oder ständige Zornausbrüche hat, werde ich mit diesem Text deine Eltern-Kompetenz erhöhen.

Was das bringt? Du kennst dich besser aus, mit deinem eigenen Kind. Du kannst besser verstehen, warum sich das kleine Lieschen immer noch schwer tut, ohne Mama in der Kita zu bleiben, oder warum der Franz schon läuft, während dein Kind noch immer gediegen auf dem Popo sitzt und Sand schaufelt.

Außerdem kannst du auch zweifelnde Stimmen von außen abschalten: „Was, der fremdelt immer noch?“
„Ja. Und das ist auch gut so. Denn das beweist, dass er sich später leicht lösen wird“.

 

Über Entwicklung:

  • Kinder wählen aus, was sie als Erstes lernen wollen. Manches ist nicht so sichtbar, wie Anderes: wenn ein Kind früh läuft, applaudiert jeder – der gediegen sitzende Denker wird gerne mal übersehen.
  • Ein Kind kann mit 8 Monaten laufen können. Es muss aber nicht. Das gilt für jeden Entwicklungsschritt.
  • Ich habe an mehreren Stellen gelesen, dass ein sicher gebundenes Kind weniger fremdelt. Das ist aus meiner Sicht falsch. In meiner langjährigen Erfahrungen mit bedürfnisorientierten Müttern und auch in der Arbeit als Erzieherin kann ich sagen: das Gegenteil ist oft der Fall. Fremdeln sagt nichts über die Bindung aus. Punkt.
  • Ich habe mich auf die „innere“ Entwicklung (Emotionen, Denken) konzentriert, obwohl sie natürlich mit der Äußerlichen (Motorik, Feinmotorik) Hand in Hand geht. HierHier ein Link zur Sprachentwicklung: Hier ein Link zur allgemeinen Entwicklung nach Alter sortiert:

 

Entwicklungsphasen:

1. Phase (0-1 Jahre)
Ur-Vertrauen vs Ur-Mißtrauen (Erikson)

Urvertrauen entsteht durch Bindung und Befriedigung der Grundbedürfnisse: Nahrung, Liebe, Nähe, Getragen-werden.

Schon kurz nach der Geburt, kann der Säugling Stress und Zufriedenheit unterscheiden und äußern. Um seine Emotionen richtig einordnen zu lernen, ist es wichtig, seine Bedürfnisse zu befriedigen.

3. Monat:

Der Säugling lernt schon jetzt die Basisemotionen: Freude, Interesse, Überraschung, Ärger, Traurigkeit und Angst.

Er lernt am Vorbild: Emotionen werden nachgeahmt.

Auch in den ersten Monaten sind schon Strategien zur Emotionsregulation da. Er braucht aber auf jeden Fall Hilfe beim Selbst-Trösten! Je mehr Hilfe er erfährt, desto leichter kann er sich später selbst beruhigen! Hier ein Link zum Selbständig werden

Es existiert für den Säugling kein „Ich“, das heißt kein Unterschied zwischen der Welt und ihm selbst. Deshalb schreien Säuglinge auch oft „mit“ anderen und lassen sich anstecken.

 

2. Phase: (1-3 Jahre)
Autonomie vs. Scham (Erikson)

Was ich besonders wichtig finde: Ein Kind beginnt erst ab dem 12. Monat langsam eine Objektpermanenz (vgl. Piaget) zu entwickeln (Mama ist da, auch wenn ich sie nicht sehe!!). Diese Entwicklung ist in der Regel erst im 18. oder sogar erst im 24. Monat abgeschlossen!

2. Lebensjahr:

Das Kind benutzt erste Wörter für den Emotionsausdruck (Weint, Lacht). Der Emotions-Verstand wächst: Gefühle werden mit Ursachen verknüpft.

Das Kind emanzipiert sich zum Teil von der Mutter. Es lernt Gehen, Sprechen, Stuhlkontrolle setzt ein (kann!).

Es lernt ein „Ich“ zu sein – und „kein Du“.

Die Eltern sind in ihrer inneren Haltung die Vorbilder. Emotionen werden sogar kopiert und übernommen!

Wenn das Umfeld nicht auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, beginnt es hier an sich selbst zu zweifeln: Scham entsteht!

3. Lebensjahr:

Egozentrische Empathie: Das Kind reagiert auf die Emotionen anderer. Doch beim Hineinversetzen wird oft noch der Andere mit sich selbst vermischt wahrgenommen.

Das Kind lernt die sekundären Emotionen: Scham, Schuld, Neid, Stolz. Diese Emotionen genauer zu identifizieren dauert aber oft bis zum Schulalter.

Das Kind kann Mitleid empfinden und erkennt an der Mimik -vor allem am Mund- die Emotionen eines Anderen.

 

3. Phase (4-5 Jahre)
Initiative vs. Schuldgefühl (Erikson)

Rollen werden ausprobiert, ein eigenes Gewissen wächst, neue Emotionen werden gefühlt und erkannt: Konkurrenz, Eifersucht, Stolz.
Das Kind will besonders sein. Wenn es sich nicht besonders fühlen kann, entsteht das Gefühl von Schuld.

Erst jetzt kann sich das Kind tatsächlich Objekte vorstellen, die nicht da sind.
Das Denken orientiert sich an der Wahrnehmung, nicht an der Logik. (Der Mond ist so klein, dass er in unseren Teich fallen könnte)

Es denkt noch überwiegend egozentriert: das bedeutet, es kann sich nur sehr schwer in andere hinein versetzen! Die Perspektive eines anderen zu übernehmen ist eine sehr hohe Denkleistung und wird erst gegen Ende dieser Phase tatsächlich gelernt.

Das kann ich bestätigen: mein 6 Jähriger hat ganz erstaunt festgestellt, dass er als Fußgänger Zebrastreifen mag, wenn er aber im Auto sitzt, findet er sie nervig.

 

4. Phase (6-12. Jahre)
Werksinn vs. Minderwertigkeit (Erikson)

„ich bin was ich lerne“ – Erfolg ist wichtig! Das Kind möchte Nützliches leisten.
Das Kind möchte an der Welt der Erwachsenen teilnehmen.

(dauernder)Misserfolg führt zu Minderwertigkeitsgefühlen.

Das Kind hat das Potential, mit den eigenen und anderen Emotionen angemessen umzugehen. Das bedeutet aber nicht, dass es das immer kann. Genauso wenig, wie wir das immer können!

 

4. (B) Der Rubikon (Rudolf Steiner)

„Mit dem 9. bis 10. Lebensjahr überschreitet das Kind den Rubikon, wodurch es sich als eigenes, der Welt gegenübergestelltes Wesen zu empfinden beginnt und dadurch auch ein anderes, freieres Verhältnis zu den Autoritäten entwickelt, die es nun als ein „Du“ erlebt, das seinem Ich gegenüber steht.

Es handelt sich dabei um eine höhere Metamorphose des allerersten Ich-Erlebnisses um das 3. Lebensjahr.“ Hier ein Link zu Anthrowiki

Das wirkt sich folgendermaßen aus: das Kind wirkt so, als wenn es in einer frühen Pubertät stecken würde. Sein Körper wächst noch einmal deutlich und es findet ein merklicher Entwicklungsschritt statt. Eltern fragen sich dann oft, ob das Kind wirklich schon in die Pubertät kommen kann, deshalb habe ich diesen Entwicklungsschritt hier mit eingefügt: dieses „pubertäre“ Verhalten beruhigt sich dann nämlich in der Regel noch einmal für ein paar Jahre.

 

 

 

Emotionale Entwicklung

Ziel der Entwicklung: Emotionale Kompetenz.

Diese schließt ein:

  • Emotionsausdruck,
  • Emotionsverständnis,
  • Emotionsregulation.

Entwicklungsphase:

Die emotionale Kompetenz wird im Alter zwischen 0 und 6 Jahren am stärksten entwickelt. Die drei Fähigkeiten beeinflussen sich und werden immer parallel wachsen.

Wichtig: der Emotionsausdruck wächst mit der Fähigkeit des Kindes, zu sprechen.

Emotionsregulation lernt das Kind nicht etwa dadurch, dass es sich vermehrt selbst regulieren muss, sondern dass es Hilfe beim Trösten erfährt! Wenn ein Säugling schreien gelassen wird, reguliert er sich nicht selbst, sondern sein Körper verfällt vor Hilflosigkeit in eine Art Starre.

Emotionsverständnis lernt das Kind, wenn wir ihm helfen, seine Emotionen einzuordnen und zu begleiten.

Insgesamt ist es nicht die Aufgabe von uns Eltern, die „schwierigeren“ Emotionen unserer Kinder zu verhindern, sondern viel mehr, mit ihnen gemeinsam durch diese hindurch zu gehen, um das Kind fit zu machen, damit klar zu kommen.

 

 

Entwicklung des Gehirns

Nach dem Hirnforscher Gerald Hüther hat ein Kind bei der Geburt, all die Verbindungen zur Steuerung der inneren Ordnung im Körper.
die Großhirnrinde: verdreifacht seine Verbindungen im 1. Lebensjahr.

Weil das Kind nicht „weiß“, was es später braucht, wir dein Überangebot von Verbindungen bereit gestellt. Die, die benutzt werden, bilden sich weiter aus, die anderen verkümmern.

komplexe Fähigkeiten, die nicht in der Schule gelehrt werden, sind Frontalhirnfunktionen. Sie sind viel wichtiger, wie auswendig gelerntes Wissen:

  • strategische Kompetenz
  • Problemlösungskompetenz
  • Umsicht, Folgen abschätzen
  • Einsichtsfähigkeit – Flexibilität
  • Frustrationstolleranz
  • Impulskontrolle
  • Motivation, Konzentration

Wichtig wofür? Um in einer „Herde“ angenommen zu werden. Um erfolgreich in dem zu werden, was man sicht wünscht. Um glücklich zu leben. Um ein zufriedenes Leben als Erdenbürger zu führen!

Der Präfrontale Kortex (also das Steuerungsmodul unseres Gehirns) ist bei der Geburt nicht ausgeformt. Er kann also von der Umwelt trainiert, mitgestaltet und beeinflusst werden. Hier gilt das Prinzip: „use it, or loose it“ (Gerald Hüther)

 

 

Aus dem Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich zum Wahnsinn“:

Das emotionale Gehirn hat beim Säugling und Kleinkind „die Zügel in der Hand“, das bedeutet, es reagiert direkt und instinktiv auf seine Umwelt. Das hat den Sinn, sein Überleben in gefährlichen Situationen zu sichern (Schreien bei Hunger)

Wenn bei einer Angststörung das emotionale Gehirn eines Erwachsenen länger die Kontrolle übernimmt, verhält sich der Mensch: unkonzentriert, ziellos, aggressiv und ungehalten. Ähnlich wie ein Kleinkind!

Erst nach und nach, wächst die Kontrollinstanz im Gehirn, um das kognitive Gehirn vor das emotionale Gehirn zu schalten und diese Entwicklung kann frühestens mit 5 Jahren tatsächlich auftreten. Bevor das Kind also dieses Alter erreicht, ist sein Hirn mit der Selbstregulation bei Stresssituationen noch völlig überfordert.

Fremdregulation ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um den Aufbau der Eigenregulation zu unterstützen.

 

Hier noch mal die wichtigsten Punkte:

 

  1.  Jedes Kind lernt anders – jedes Kind lernt etwas Anderes zu erst
  2. Damit ein Kind lernt, sich selbst zu beruhigen, muss es Beruhigung von Außen erfahren
  3. Je sicherer ein Kind gebunden ist, desto leichter kann es sich lösen
  4. Fremdeln hat nichts mit schlechter oder guter Bindung zu tun. Eine „zu gute“ Bindung gibt es nicht.
  5. erst mit 18 Monaten beginnt ein Kind Objektpermanenz zu entwickeln und lernt so langsam, dass etwas (auch die Mutter) da ist, auch wenn es (sie) nicht sichtbar ist.
  6. Erst zwischen dem 2. und dem 3. Lebensjahr kann ein Kind das „Ich“ vom „Du“ unterscheiden.
  7. Das Kind übt in dieser Zeit Selbstwirksamkeit: das hat nichts damit zu tun, dass es die Eltern wie Puppen tanzen lässt. Es erfährt, dass es in der Lage ist, etwas in der Welt zu bewirken. Das ist wichtig. Bleibt es unwirksam, entwickelt es Schamgefühle.
  8. Die Fähigkeit eine andere Perspektive einzunehmen, als die eigene, ist erst im 6. Lebensjahr wirklich vorhanden. Die Unfähigkeit, sich in Andere einzufühlen hat vorher also nichts mit „unsozial“ oder gar „tyrannisch“ zu tun.
  9. Emotionskontrolle kann beim Kind tatsächlich frühestens um das 5. Lebensjahr auftreten.
  10. Um den präfrontalen Kortex zu trainieren, der nach dem Prinzip „use it oder loose it“ funktioniert, reicht es nicht Emotionen „wegzudrücken“, in dem man einem Kind verbietet sie zu haben.
  11. Es ist aber auch nicht dienlich, Emotionen zu umschiffen, das Kind über alle Maßen zu schonen: Begleitung und Da-Sein sind hier das Stichwort.

ich hoffe, ich habe die wichtigsten Punkte erfasst und konnte Euch (und mir) einen besseren Überblick verschaffen,

 

sei liebevoll statt gestresst!

liebe Grüße
Susanne Bregenzer

 

Bildernachweis: qimono, Pixabay, vor 2 Monaten /Bilder von der Autorin Susanne Bregenzer und ihren Söhnen

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