Prinz Edu und das Geheimnis von Burg Milanblick (1. Kapitel)

Es lebte einst ein kleiner Prinz auf einer Burg. Er hieß Prinz Edu und seine Amme zog ihm jeden Morgen feine Kleider an. Damals war es nämlich so, dass ein Prinz eine Amme hatte und die machte alles, was jetzt eine Mama macht.
Sie wusch und kämmte ihn, passte auf, dass er nicht zu spät ins Bett ging und erzählte ihm Geschichten.
Prinz Edu war gerade so alt wie ein Kind, das bald in die Schule kommt.
Er ging aber nicht zur Schule, sondern hatte einen eigenen Lehrer. Der war sehr streng und verlangte viel von Edu. Der Lehrer übte nicht nur Schwertkampf mit Edu, sondern brachte ihm auch Lesen und Schreiben bei oder erzählte ihm Geschichten von seiner Burg. Am liebsten saßen sie beide dazu auf der Burgmauer und schauten hinab ins Tal.

Im Tal sah alles winzig aus: das kleine Dorf, der Fluss, die Straßen und die Menschen. Die Pferde wirkten wie Ameisen und selbst der Ochse, der den Pflug zog, sah aus, als könnte Edu ihn weg pusten. Dabei war er mächtig und stark und wenn er schnaubte, dachte Edu, er könnte einem Drachen ähneln.
„Weißt du, warum unsere Burg Milanblick heißt?“, fragte Edus Lehrer. Denn genau so hieß die Burg von Edu und seiner Familie.

Edu schüttelte den Kopf, denn das wusste er nicht!
„Es gab mal einen König, der war ein Zauberer“, erzählte der Lehrer. „Das muss dein Ururopa gewesen sein: König Eduard der Hellseher.

Er konnte etwas ganz Besonderes: Er konnte durch die Augen eines Milans sehen. Wenn der Milan also über das Land flog und mit seinen scharfen Augen nach Mäusen suchte, die am Boden herum liefen, dann schloss dein Ururopa seine eigenen Augen und sah durch die Augen des Milans. Er sah genauso scharf wie der Milan. Und so hat er einmal feindliche Ritter gesehen, die sich an die Burg anschleichen wollten. Aber König Eduard der Hellseher sah es und konnte die Feinde vertreiben: er hat alle gerettet! Deshalb heißt unsere Burg Milanblick“.

Prinz Edu staunte. Das hatte er nicht gewusst.
„Und was konnte König Eduard noch alles zaubern?“, fragte Edu.
„Nur dies“, sagte der Lehrer. „Aber das ist schon eine ganze Menge!“

Er sprang von der Burgmauer in den Burghof und Edu rutschte ihm hinterher. Edu war ein guter Kletterer und er konnte inzwischen schon ganz allein auf die Burgmauer klettern. Seine Amme sah das nicht sehr gerne. Sie hatte Angst, ihm könnte etwas passieren.
Aber sein Lehrer lachte darüber und sagte: „Er soll ruhig üben zu klettern und zu balancieren, das macht ihn stark“. Stark und Geschickt war Edu und das war auch wichtig, wenn er ein Ritter werden wollte: und das wollte er! So ein guter Ritter, wie sein Vater.

Warst du schon einmal auf einer echten Burg? Burg Milanblick war eine besonders schöne und große Burg. Es gab riesige Himmelbetten, die waren so groß, das Edu darauf herumtollen konnte. Es gab Säle, in denen könnte ein Kind Fahrrad fahren. Aber natürlich hatte Edu kein Fahrrad, weil es das früher noch nicht gab. Manchmal kletterte Edu in eine Ritterrüstung, die standen an den Wänden. Er klapperte mit dem Visier und rief laut: „huhuuuuu!“, wie ein Gespenst. Es hallte in den riesigen Sälen wieder und Edu bekam selbst ein bisschen Angst.

Es gab eine große Küche, mit sieben Köchen und vielen Gehilfen. Dort bekam ein kleiner Prinz immer etwas Gutes zugesteckt. Ein Würstchen, eine warme Milch, ein Gebäck. Edu saß gerne in der Küche und sah den Köchen beim Arbeiten zu.

Oder er schlich sich in den Thronsaal. Das war der größte und schönste Saal auf der ganzen Burg. Und am Ende des Saals stand der Thron. Das ist ein sehr unbequemer Stuhl aus Steinen. Sogar Edus Vater sah in diesem Thron klein aus, weil der Thron so groß war. Edu kletterte heimlich auf den Thron und tat so, als wäre er sein Vater, der König. Er schwang einen Stab und sagte: „Ich lasse euch alle frei, nur müsst ihr mein Land verlassen!“. So was Ähnliches hatte er seinen Vater nämlich schon sagen hören.

Ja, es gab wirklich alles, auf Burg Milanblick. Nur eines gab es nicht: Kinder.

Natürlich war da Edu. Aber Edu war das einzige Kind auf Burg Milanblick. Das war sehr traurig. Denn alles, was Edu machte, hätte zu zweit viel mehr Spaß gemacht.

Manchmal durfte Edu mit einem der Ritter hinab ins Tal reiten. Ja wirklich, Edu war zwar noch kein Schulkind, aber er konnte schon reiten. Er hatte sogar ein eigenes Pony. Es war ein besonders braves Pony und Edu dachte, sein Pony wäre so was wie ein richtiger Freund. Deshalb hatte er es auch „Freund“ genannt.

Freund trabte also neben dem Ritter her, durch das Dorf, das von oben so winzig ausgesehen hatte. Auch jetzt sahen die Häuser klein und ärmlich aus, denn dort lebten nur Bauern und die hatten kein Gold. Wenn Edu durch die engen Straßen ritt, dann blieben die Leute stehen, vor allem die Kinder und starrten ihn an. Wirst du gerne von anderen angestarrt? Nein, nicht wahr? Edu mochte das auch nicht. Er hätte lieber mit ihnen gesprochen. Oder mit ihnen gespielt.
Edu hatte mal einem kleinen Jungen gewinkt, der auf den Schultern seines Vaters ritt. Der Junge hatte gegrinst und zurück gewinkt. Edu sagte zu dem Ritter, der mit ihm ritt: „Ich will hier absteigen und mit dem Jungen spielen“. Aber der Ritter erlaubte es nicht. Und Edu musste gehorchen.

Traurig hatte er später das Pony Freund in den Stall gebracht. Er sagte zu ihm: „du bist mein einziger Freund“. Das Pony schnaubte und freute sich über das frische Heu, das der Stallknecht ihm brachte. Tja, so war das mit Ponys. Sie kletterten nicht mit einem auf den höchsten Turm der Burg und versuchten von dort aus runter zu spucken. Sie wollten auch nicht Verstecken spielen. Sie konnten auch nicht lachen, auch wenn Edu schwor, dass sein Pony manchmal in sich hinein lächelte.

Ob Edu noch einen richtigen Freund findet, dass könnt ihr im nächsten Kapitel erfahren…

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