Computerspiel oder echtes Leben! Gibt es einen Weg in die Realität?

Realität vs. Computerspiel:

Das Baby ist einen Tag alt, winzige Fäustchen ruhen neben dem engelhaften Gesicht. Es schläft.

Hingerissen liegt die frischgebackene Mutter neben ihrem Säugling und betrachtet es, als die Hebamme leise ins Zimmer kommt.

Sie stellt ihren Koffer ab und beugt sich dann lächelnd über das kleine Wesen.
„Geht es ihr gut?“, flüstert sie.

Die Wöchnerin nickt und lächelt. Die Hebamme setzt sich an ihr Bett und streicht ihr über den Rücken.

„Und dir?“

Die Wöchnerin bricht in Tränen aus: „Sie ist so lieb. Aber ich bin so allein. Mein Mann sitzt unten am Computer und spielt online! Die ganze Zeit! Er ist überhaupt nicht bei uns! Wenn er dann Essen machen soll, wird er auch noch genervt! Es ist doch auch seine Tochter! Er hat sich doch auf sie gefreut!“

Kommt dir so eine, oder eine ähnliche Situation bekannt vor? Kennst du jemanden, dem es so geht?

Liest du diesen Artikel, weil dein Partner ständig am PC gammelt?

Vielleicht hast du gehört, ein Computerspiel süchtig machen. Vielleicht denkst du: „so schlimm ist es bestimmt nicht. Er/sie kriegt ja noch sein Leben geregelt!“

Vor nicht allzu langer Zeit war Alkohol noch ein anerkanntes Psychopharmaka, das man je nach Laune einsetzen konnte um sich zu beruhigen (man kann es noch in Hotzenplotz hören, ein harmloses Kinderbuch, in dem ständig ein Schnäpschen hier und ein Schnäpschen da getrunken wird) So schlimm ist es doch nicht, zur Beruhigung Alkohol zu trinken, solange man ansonsten sein Leben noch geregelt kriegt?!

Was bedeutet eigentlich dieses – „das Leben geregelt kriegen?“
Dass man noch zur Arbeit geht und seine Rechnungen bezahlt? Dass man pflichtgemäß am Abend Zeit investiert, um seinen Nachwuchs zu bespaßen und ins Bett zu bringen? Dass man sogar ab und zu erst später online geht, weil Frau noch was besprechen will?
Ja. Wenn man das alles noch kann, dann kann es unmöglich so schlimm sein. Oder?!

Wie ist das dann mit einem Spiegeltrinker? Der kriegt sein Leben auch geregelt. Gut sogar!

Mach dir nichts vor!

Es ist so schlimm!

Ich weiß das, mein Mann hat jahrelang online gespielt. Ich selbst war auch lange verheiratet mit meinem Computerspiel.

Selbst wenn er mit dir redet oder mit den Kindern spielt – er ist in Gedanken schon dabei sein virtuelles Ross mit Hyperkampfsattel und Schutzgoldtrense auszustatten, das epische Superschwert zu erlangen und den bösen Levelboss Unkedunk zu besiegen. Außerdem möchte er Manatrangia, die blaue Lebensblume farmen. Frag ihn danach.

Und wenn es zu lang geht, dieses Kinder bespaßen und Frau zu hören? Dann wirst du es merken: er wird nervös. Er wird schlecht gelaunt. Er versucht sein Leben so hin zu arrangieren, dass er abends noch seine Dosis Avatarspielchen bekommt. Seine Ausrede? “Ich brauch das Computerspiel zum runterkommen”. Kennst du die?

Ihr seid die Bremse, die ihn vom „wahren Leben im Computerspiel” abhält.

Das meine ich ernst.

Ein Computerspiel ist kein Hobby.

Und du bist auch nicht Schuld daran, das er online ist, weil du so langweilig bist. Auch wenn er das sagt!
Versuche nie gegen ein Computerspiel anzu – Cheerleaden, diesen ungleichen Kampf wirst du immer verlieren.

Warum hat ein Computerspiel so einen Sog?


Ich habe letztens in einem Forum gelesen: Kinder, die Computer oder TVsüchtig werden bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und Liebe.

Ich dachte noch: so ein Rotz, was die faseln! Da kann man noch so liebevoll und aufmerksam sein, sich ständig um seinen Nachwuchs und den Mann bemühen und trotzdem hängen sie im Online-space ab und daddeln. Vielleicht gerade dann, haha.

Aber es stimmt.

Nur ist diese Aussage pauschal und nicht genau überlegt.

Es stimmt, dass ein Bedürfnis nicht befriedigt ist, wenn jemand online zockt. Es hat nur nicht mit Aufmerksamkeit und Liebe zu tun.

Es handelt sich um ein ganz anderes Grundbedürfnis:

Gebraucht – werden. Wichtig – sein.

Anerkennung, Ansehen, Status, Einfluss, Macht – in der Bedürfnispyramide nach Maslow Hier ein Link gleich über den sozialen Bedürfnissen, aber nicht weniger wichtig.

Da liegt der Schlüssel zur bedürfnisorientierten echt-Welt. Alle Familienmitglieder, bis zum Kleinsten, wollen gebraucht werden. Nicht als „Gesellschaftshundchen“ oder Steiffknopftier: es reicht nicht, das Mama und Papa mich lieben, wie ich bin. Das ist schön, das ist die Erfüllung eines Grundbedürfnisses.
Aber was tu ich hier? Warum bin ich auf der Welt? Wo werde ich gebraucht? Wer braucht genau mich und wie kann ich meine Fähigkeiten in die Welt bringen, sodass sie anderen und mir nützen?

Wir wollen das Gefühl haben: die Welt hat auf mich gewartet. Mit dem, was ich in sie einbringen kann.

Und genau dieses Gefühl vermittelt ein Computerspiel!

Was passiert in einem Computerspiel?

  • Du bekommst klare Aufgaben.
  • Du musst deine Fähigkeiten trainieren.
  • Du bekommst eine Story vorgesetzt, in der DU allein der große Held bist.
  • Du kannst dich beweisen.
  • Du erntest Erfolg/Belohnung/Anerkennung.

Alles, was diese Gesellschaft für eine große Gruppe von Menschen einfach nicht bereit hält.

  1.  für Männer und sogar für Väter
  2. für Kinder
  3. für alte Menschen

 

  1. Männer: Männer waren früher unsere Bisonjäger, die Feuermacher und Wolftöter. Was sind sie jetzt? Wir können doch im Grunde alles allein: wir klotzen Geld ran und betreuen die Kinder und sind in allem viel effizienter, wie unsere Männer. Wir vermitteln, die reinsten Perpetomobile zu sein und Männer gar nicht zu brauchen. Dabei ist das der größte Schwachsinn des (Familien)universums.
  2. Kinder:  Zuerst sind Männer ja auch Kinder. Kinder gehören der gleichen Nutzlosigkeit an wie Männer. Kinder sollen spielen, sie sollen beschäftigt werden, betreut werden, sie sollen erzogen werden, gebildet werden, gefördert und bespaßt werden. Doch was entsteht durch diese Haltung für ein Eindruck beim Kind?
    Nutzlosigkeit.
    Keine Selbst-Werdung möglich.
    Sogar noch Fehlerhaftigkeit: ich muss zur Frühförderung, sonst bin ich nicht ok.

Laut Eric Berne und seiner Transaktionsanalyse lernen wir schon in der frühesten Kindheit das fest verankerte Gefühl von „Nicht-ok“ sein. Unzulänglich, unbrauchbar, zu klein, zur-Last-fallend, ungenügend, setzen: 6.

Die Schule tut ihren Teil zur männlichen Einflusslosigkeit, sie lernen oft: Im Grunde bin ich dafür nicht geschaffen, ständig störe ich nur, habe zu viel Kraft und Bewegungsdrang, kann mich nicht so gut konzentrieren und bin nutzlos. Ein Störfaktor. Eine schlechte Note. Dort lernen sie also auch nicht, dass die Welt auf sie gewartet hat. Mit diesen Voraussetzungen sollen sie dann in den Beruf gehen. Die wenigsten finden den Beruf, der sie tatsächlich erfüllt und glücklich macht. Im schlimmsten Fall wird man arbeitslos oder findet keinen Ausbildungsplatz. Die Uni ist zu voll, da freut sich auch keiner über den tausendsten Platz auf der Warteliste. Also wieder das Gefühl der Nutzlosigkeit.

Und, um den Bogen zu spannen: zurück zum anfänglichen Bild dieses Textes: endlich das erste Baby im Haus – der Mann wird Vater. Die Frau ist verliebt in das Kleine, die Welt scheint sich nur um sie und das Kind zu drehen. Der Mann hat nicht gelernt, wofür er nütze ist und die Frau kann es ihm nicht sagen. Sie kann es nicht sagen, denn dafür ist sie viel zu emanzipiert. Sie kann ihm nicht sagen:
„Ich brauche dich. Wir brauchen dich. Genau dich. Mit einen Fähigkeiten. Und keinen anderen! Ohne dich kommen wir nicht klar!“
Und er kann es nicht hören, selbst wenn sie es sagt, es fleht. Denn er hat seit er denken kann gelernt, dass er nutzlos ist. Ein Störfaktor. Eine schlechte Note und was tut er also? Er benimmt sich nutzlos. Er erfüllt seine eigene Prophezeiung – und versteckt sich im Computerspiel.

Praktische Nothilfe:

Ich habe selbst viel online gespielt. Ich habe damit aufgehört, weil es mich nicht weiterbrachte, aber ich habe lange dafür gebraucht. Mein Mann hat weitergespielt und ich habe oft und viel mit ihm darüber geredet. Bis er schließlich von sich aus aufgehört hat. Ganz. Welch Bereicherung für uns als Familie!!

Ich will dir sagen, was ich zu ihm gesagt habe und was du auf jeden Fall brauchen wirst. Hier ein Link zu diesem Thema: Partner-Ändern
1. Du brauchst einen verdammt langen Atem. Eine Sucht, die gesellschaftlich anerkannt und normalisiert wird aufzudecken, ist sehr schwierig. Nimm dir lieber erst mal als Ziel vor, dir und deinem Partner klar zu machen, dass er süchtig ist.

2. Hör auf, dir das Computerspielen schönzureden, oder schönreden zu lassen: es ist kein Hobby. Es frisst deinen Partner mehr und mehr. Achte darauf, wie er aus dem Spielen heraus kommt: ist er zufrieden, weil er Zeit für sich hatte und seinem sogenannten „Hobby“ nachgehen durfte? Kommt er runter? Wird er dadurch zugänglicher und ausgeglichener? Ist er gefühlt jemals damit fertig? Wie geht es dir, wenn du deinem Hobby nachgehen darfst: bist du danach zufrieden, ausgeglichen und erfüllt? Vergleiche diesen Zustand mit seinem, nach dem Spielen.

3. Sprich in Ruhe und mutig mit ihm darüber. Er wird es nicht gerne hören. Er wird vielleicht sogar fies werden. Er wird emotionale Spielchen spielen: „Ja, dann hab ich halt nie wieder Spaß, wenn du das willst“, „Ja, ich kann ja auch gehen, wenns dir nicht passt“… solche Sprüche. Lass dich davon nicht einschüchtern. Aber gib insofern auch nach, dass du das Thema immer wieder ruhen lässt. Veränderungen brauchen Zeit.

4. Sage ihm, dass du weißt, dass seine Gedanken nicht bei euch, bei seiner Familie sind. Ich habe das Gleiche einmal über Alkoholsucht gelesen: mach dir nicht vor, dass du oder die Kinder in seiner Liste als Oberstes stehen, auch wenn es weh tut und auch, wenn er etwas anderes behauptet. Es ist nicht so. Nie. Er denkt an seinen nächsten epischen Kampf. Er denkt daran, woher er genügend magisch begabtes Holz für seine bunt glitzernde, Feinde einschläfernde und auf dem hohen C singende Sichel bekommen kann. Wirklich. Immer. Sage ihm, das es dir weh tut.

5. Faule Kompromisse: wenn er kooperiert, wird er dir vorschlagen, weniger Zeit im Computerspiel zu verbringen. Das ist ein Fortschritt. Es ist ein gutes Zeichen, es hat aber auch einen guten Nebeneffekt: er kommt mit dem Spieltempo der anderen Onlinejunkies nicht mehr mit! Er wird aus diversen Gilden und Vereinen gekickt, weil er das Soll nicht mehr erfüllt (ja, so etwas gibt es wirklich!) und das nervt und führt nach längerer Zeit zu Unlust! Denn: Macht, Anerkennung, Einfluss, Erfolg (siehe oben, Bedürfnispyramide) hängt beim online Spielen ganz viel mit Zeit zusammen. Dieser Kompromiss arbeitet also mit der Zeit gemeinsam! Es löst aber das Problem nicht. Das Problem, dass auf der Prioritätenliste das Onlinegame vor der Familie parkt!

6. Und jetzt das Wichtigste: Erkläre ihm, was er davon hat, nicht mehr am Computerspiel zu hängen – Das will er nicht hören: Das es gesünder ist und es viel besser wäre, kreativ zu sein, oder zu reden. Nein, damit ziehst du bei ihm keinen Schneller-Rennen-Trank vom virtuellen Gürtel, ehrlich! Was ihn aber interessiert ist: er wird dadurch frei und selbstbestimmt! „Was? Selbstbestimmt? Ich soll aufhören zu spielen, weil du es sagst, und das nennst du selbstbestimmt? Ich darf hier ja nicht mal mehr über mein Hobby bestimmen!“ Nein. Ernsthaft. Selbstbestimmt. Und warum? Schon mal Raucher beobachtet, die beim pissigsten Schneeregen, bei Eiswind zähneklappernd vor der Tür geraucht haben? Und das soll sie sein: „Die große Freiheit“, laut Malboro? Wie ein Ex-Raucher begeistert ist, dass er endlich drinnen bleiben darf, wenn draußen ein Tornado tobt, ist es für einen Ex-Onlinegamer eine absolute Überraschung, wie viel Zeit er hat. Wenn am Abend die Kinder schlafen, wird der Abend so verdammt lang, ohne das Spiel. Er hat die freie Zeiteinteilung und den Kopf frei für richtige Hobbys, für Talente, für Begabungen, für Sex – kurz, für alles, was er schon längst mal machen wollte. Das wird ihn interessieren. Männer werden nämlich nicht gerne fremdbestimmt. Niemand mag das. Und sobald er das einmal kapiert hat, wird er seine Domina namens „Onlinegame“ sehr kritisch betrachten!

7. Spring über deinen Schatten und sprich mit ihm darüber, wie wichtig er für dich/für euch ist. Versuche herauszufinden, welche Fähigkeiten er hat und überlass diesen Teil eurer Beziehung ganz ihm. Überlasse dich seiner Führung und wenn es mal an die Wand fährt: nagut, dann halt beim nächsten Mal. Hier ein Link zum Thema: Wochenbett. Es gibt manches, das dein Mann vielleicht naturgemäß nicht ganz so gut kann wie du, verachte ihn dafür nicht, sondern nimm es als gegeben hin. Er kann sicher naturgemäß anderes besser als du. Aber das Wichtigste an diesem Punkt ist: vergiss die Emanzipation und diesen ganzen Frauen-können-auch-allein-Stuß: und sage ihm, dass es ohne ihn nicht gut werden kann. Denn das ist die Wahrheit! Dass ihr ohne ihn könnt, habt ihr ja schon bewiesen: in seinem Kopf ist er nicht da (sondern online) und trotzdem lebt ihr. Nur richtig gut, dass wird es erst mit ihm gemeinsam. Und das muss er wissen, hören und glauben.

Es reicht nicht, mit etwas aufzuhören, das schädlich ist – es muss auch etwas Neues folgen!

Insgesamt ist es ein gesellschaftliches Problem, das vielleicht sogar mit der Industrialisierung begonnen hat: wir kämpfen nicht mehr ums Überleben, wir liegen auf Samt und Seide und schlagen uns jetzt mit unserer inneren Leere herum. Depression, Suchtverhalten, psychische Erkrankungen, Angstzustände sind unsere neuen Wölfe und eisigen Winter. Wir haben in der Gesellschaft so viele Normen und Regeln, so viele „das tut man halt“, dass wir oft das Wahre, das Ursprüngliche verloren haben. Da kommt die Spieleindustrie mit ihren ausgeklügelten Onlinegames natürlich genau richtig: dein Mann ist also kein Versager, weil er drauf abfährt – er ist jemand, der Bedeutung haben möchte und Stärke zeigen möchte – attraktiv, oder?!

Um aber das eigentliche „Loch“ zu füllen und zwar im realen Leben um dieses ursprüngliche, menschliche Bedürfnis zu erfüllen, das die Gameindustrie „scheinerfüllt“, sind vermutlich einige Änderungen im Leben vorzunehmen.
Drehen wir also das Bedürfnis nach „Anerkennung, Ansehen, Status, Einfluss, Macht“ herum und sehen uns an, was genau dieses „Loch“ beinhaltet: wir fühlen uns missachtet, unwichtig, nicht selbstbestimmt, machtlos, hilflos unserem eigenen Leben gegenüber.
Wir fühlen uns wie „niemand“
„wie einer von vielen“
„Ein Rädchen im System“
„Nicht – ok“ (laut Berne)
Das kann sich ändern. Das muss sich ändern. All diese „Mann-muss-doch“ und „Das-macht-man-halt“ gehören ganz genau überprüft und angesehen, denn vielleicht steckt dahinter ein Glaubenssatz, der uns von der Erfüllung unseres Bedürfnisses abhält.
Zu diesem Thema gibt es sehr viele wunderbare Blogs: Mara Stix , Gedankenpower , Familienleicht, die dieses Thema ausführlich und auf spannende Art behandeln.

Ich drücke euch die Daumen und wünsche Euch viel Erfolg beim Erreichen eures Partners.

gelangt mutig – in Liebe und Ruhe – zum Verständnis!
Eure Susanne

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