Georg Holzscheyt und das Universum (Kapitel III)

Tiere

Gecko erzählt nichts von dem Regen und das Ferro wie ein Vulkan war. Doch am Abend sagt Gecko: „Ich glaube du kannst ihn jetzt duschen, Mama! Den Regen hat er ja auch überlebt!“. Ferro lässt sich ausziehen und wirklich: er sitzt in der Dusche und hält ganz still. Er lässt die Tropfen durch seine Hände rinnen und lacht sogar ein bisschen. „Wass nass“, singt er. „Nass Wass!“

Ferro schläft schon, als Runa zu Gecko ins Bett gekrochen kommt. Sie hat eiskalte Füße und kuschelt sich an Gecko. „hat er echt gesagt, seine Mama ist ein Drache?“, flüstert sie, damit Mama und Papa nicht hören, dass sie noch wach sind. „Ja!“, antwortet Gecko leise. „Und er kommt aus dem All“. Gecko zögert und fügt dann schnell an: „Sagt er jedenfalls“. Runa richtet sich ein wenig auf und wirft einen Blick in Ferros Bettchen. Im Licht der Straßenlaterne, das hereinfällt, schimmern seine Locken rötlich. Er sieht niedlich aus, wie er da liegt und schläft. „Er sieht so normal aus!“, flüstert Runa. „Nicht wie ein Außerirdischer!“
„Er konnte den Regen verdampfen, Runa!“, flüstert Gecko.
„Quatsch!“, sagt Runa bestimmt.
„Dann ist er in die Pfütze gefallen und ausgegangen. Zisch!“, sagt Gecko. Runa kichert. „So richtig, ganz reingefallen?“, fragt sie. „Ja!“, sagt Gecko und muss auch ein bisschen lachen. „Wenn er wirklich von einem Stern kommt, dann finden die Leute vom Amt seine Eltern ja nie!“, flüstert Runa nachdenklich. „Gut so, ich finde er sollte hierbleiben!“, meint Gecko überzeugt. „Wer weiß, was er noch alles kann“.
„Feuer spucken?“, fragt Runa.
„Fliegen!“, sagt Gecko.
„Telekinese!“, meint Runa.
„Was ist denn das?“, fragt Gecko.
„Man kann Sachen bewegen ohne sie anzufassen, mit den Gedanken“
„Jaaa“, sagt Gecko.
„Vielleicht kann er auch bienen“, überlegt Gecko.
„Du meinst beamen!“, sagt Runa.
„Was ist das überhaupt?“, fragt Gecko.
„Man kann blitzschnell woandershin gehen, ohne zu laufen oder zu fahren oder zu fliegen!“
„Zack!“, sagt Gecko. „Pssssst!“, flüstert Runa.
Aber da hören sie schon die Schritte von Papa auf der Treppe. „Ab ins Bett und Ruhe jetzt!“ brummt er durch den Türspalt und Runa versteckt sich unter Geckos Decke. Papa schleicht ins Zimmer und tut so, als wolle er sich auf Geckos Bett und genau auf Runa setzen. Die Kinder kichern und Papa tastet auf der Decke herum. „Gecko ist auf einmal so dick geworden!“, flüstert er. Runa quietscht und flitzt aus dem Bett und in ihr eigenes Zimmer hinein. Papa gibt Gecko einen Gutenachtkuss und geht hinaus.
Gecko liegt im Bett und sieht zu den Sternen hinaus. Dann schläft er ein.

Am nächsten Morgen ist wieder eine dicke Spinne im Zimmer von Gecko. Sie kommen immer über den Efeu herein, der am ganzen Haus wächst. Gecko mag keine Spinnen. Er sitzt auf der Bettkante und zieht die Füße hoch. Die Spinne ist schwarz und riesig. Ferro sagt munter: „Ok!“ und deutet auf die Spinne. Gecko schüttelt sich. „Ich mag die nicht!“, sagt er verlegen.
Ferro klettert vom Bett und kniet sich neben die Spinne. Er stupst sie mit dem Finger an und die Spinne flüchtet ein Stück. „Ok!“, sagt Ferro wieder. Er legt seine Hand offen auf den Boden und beginnt leise Flüstergeräusche zu machen. „Flisissis iffliss“ oder so ähnlich klingt das. Die Spinne läuft einen flotten Kreis und krabbelt dann auf Ferros Hand. Dort sitzt sie ganz ruhig, nur ihre beiden Vorderbeine bewegen sich ein wenig durch die Luft. Gecko rutscht näher und schaut sich die Spinne an. Wenn sie so ruhig ist, ist sie eigentlich ganz hübsch. Auf ihre Spinnenart. Sie hat schwarze Härchen am ganzen Körper und sieht sehr elegant aus.
„Ok!“, sagt Ferro beruhigend. Er streckt einen Finger aus und streicht der Spinne über den dicken Körper. Gecko hält die Luft an. Aber die Spinne bleibt sitzen. Ferro läuft zum Fenster und Gecko öffnet es. Ferro legt die Hand aufs Fensterbrett und die Spinne läuft zurück in den Efeu.
„Kannst du mit ihr reden?“, fragt Gecko. Aber Ferro sieht ihn nur an und zieht die Schultern hoch.

Mama ärgert sich über die Ameisen in der Küche. Sie kommen einfach an der Hauswand herauf und finden den Küchenboden so lecker. Da liegen Krümel vom Essen.
„Ich kann doch nicht jeden Tag den ganzen Boden wischen!“, schimpft Mama und zertritt ein paar Ameisen. Ferro schreit.
Mama sieht ihn überrascht an. Sie seufzt. „Entschuldige, du hast Recht. Man soll Tiere nicht töten!“, meint sie. „Aber sie laufen bald zu tausenden durch meine Küche! Sie sitzen im Honig und in der Marmelade und dann will das keiner mehr essen“
Papa will eine Ameisenfalle aufstellen. Aber Ferro schreit wieder. Er schreit und schreit. Mama nimmt ihn hoch um ihn zu trösten. Ferro hört aber nicht auf zu schreien, bis Papa die Falle wieder wegräumt. Gecko hört Papa fluchen. Ob er jetzt wütend ist, weil Ferro so schreit? Er ist aber auch sehr merkwürdig manchmal.
Papa zieht sich für die Arbeit an und spricht leise mit Mama im Flur. Gecko hört das Wort „Ferro“ und „Jugendamt“ heraus. Er tut so, als müsste er etwas aus dem Flur holen. Seine Kindergartentasche fällt ihm ein. Da ist noch die Vesperdose drin, die kann er holen.
Mama und Papa reden jetzt leiser, als wäre Gecko schwerhörig. Er hört aber sehr gut. „Sie können keine einzige Spur von ihm entdecken. Es gibt ihn praktisch gar nicht. Es wird auch nirgends so ein Junge wie Ferro gesucht oder vermisst, es ist völlig verrückt“, flüstert Mama. Papa überlegt. „Dann wird er wohl noch eine Weile hier bleiben?“, fragt er.
„Ihr könnt ihn doch nicht einfach weggeben, nur weil er mal schreit!“, fällt Gecko wütend dazwischen. Mama und Papa sehen ihn überrascht an. „Das können wir wirklich nicht! Werden wir auch nicht“, sagt Papa. Mama nickt.
„Echt?“, fragt Gecko. „Nein!“, sagen Mama und Papa gleichzeitig. Gecko sieht seine Eltern ganz genau an. Ob sie das auch wirklich echt meinen! „Was meinst du, wie oft du geschrien hast. Und Runa erst!“, sagt Papa und zwinkert Gecko zu.
„Na gut“, sagt Gecko.
Er trägt seine Vesperdose in die Küche und – erstarrt. Na So was!
„Papa? Mama?“, ruft er. Sie kommen in die Küche, dicht gefolgt von Runa. Alle stehen da und machen große Augen.
Ferro hat eine Schnur gespannt. Sie reicht von einem Tischbein ganz unten, bis zum Fenster und fällt dann hinaus in den Garten. Ferro sitzt neben dem Tischbein und dirigiert mit einem Zahnstocher eine lange Kette von Ameisen zu der Schnur. Es sieht aus, als wäre er ein Ameisenhirte. Wenn es so was gäbe.
Die Ameisen krabbeln brav auf die Schnur, laufen artig hintereinander über die Schnur zum Fenster und von da aus hinaus in den Garten. Gerade klettert die allerletzte Ameise auf die Schnur-Straße und läuft langsam auf das Fenster zu. Sie verschwindet hinter dem Fensterbrett und die Küche ist Ameisenfrei.
Mama sagt: „Toll! “
Papa, Gecko und Runa sagen im Chor: „Zack!“
„Wo hast du das gelernt, Ferro? Das muss ich mir merken!“, sagt Mama.
Ferro lacht und sagt: „Zack!“ Und dann sagt er noch etwas: „Nomma!“, das bedeutet: „noch mal“. Aber warum er das sagt? Das erfährt Gecko erst am Abend. Mama öffnet nach dem Abendessen das Fenster um zu lüften. Sie geht mit Runa in ihr Zimmer um die Hausaufgaben anzuschauen, die sie schon gemacht hat. Gecko mault, weil er abräumen soll und auf fegen. „Und Ferro?“, mault er hinter Mama her. „Wieso muss Ferro nichts machen?“
„Weil er viel kleiner ist wie du!“, ruft Mama. „tz!“, sagt Gecko wütend. „Das ist so unfair! Dann mach ich auch nix!“, murrt er.
Er stellt die Teller in die Spülmaschine.
Ferro schiebt einen Stuhl ans Fenster.
Gecko räumt die Messer ins Besteckfach.
Ferro wirft einen Knäuel mit Wolle aus dem Fenster. Er hält das Ende der Schnur fest in der Hand.
Gecko trägt Butter und Käse in den Kühlschrank.
Ferro springt vom Stuhl und macht das Faden ende am Tischbein fest.
Gecko holt den Putzlappen für den Tisch.
Er wischt den Tisch fertig ab und holt den Besen. Dann stellt er den Besen einfach wieder zurück, denn den braucht er nicht mehr: Die Ameisen sind zurück gekommen.
Sie laufen über die Schnur, wuseln über den Boden, sammeln alle Krümel ein und tragen jeden einzelnen umsichtig über die Schnur nach draußen.
Gecko lacht. Ferro nickt und sagt: „ok!“

„Fertig!“, ruft Gecko Mama zu, als die letzte Ameise wieder weg ist. Er zwinkert Ferro zu und Ferro ruft: „fettig!“
„Toll!“, ruft Mama zurück.

Die Wetterhexe kommt zu Besuch. Sie sehen sie ja ganz oft, denn sie wohnt im gleichen Haus. Aber dann sieht sie wild und hexisch aus. Ferro winkt, wenn er sie sieht und lacht. Aber heute ist sie wieder gekämmt und ganz ordentlich angezogen. Ferro versteckt sich hinter Mamas Bein und will auf ihren Arm.
Die Wetterhexe setzt sich zu Ferro auf den Boden und lässt ihn einen Turm aus bunten Klötzen bauen. Ferro baut artig. Als er fertig ist, sagt er: „Ok!“ und wirft den Turm mit Schwung um. Die Wetterhexe zwinkert Ferro zu.
Dann unterhält sie sich mit Mama.
Gecko kann hören, dass Ferro jetzt ganz fest im Kindergarten angemeldet werden soll. Er ist jetzt ihr Pflegekind.
Die Wetterhexe umarmt Mama beim Gehen und sagt, sie wären eine tolle Familie.

Ferro muss zum Arzt gehen. Gecko soll mitgehen und Ferro ablenken. Er würde lieber in den Kindergarten gehen. Er mault beim Anziehen.
„Aber danach können wir doch in den Kindergarten?“, fragt er Mama. „Vielleicht“, sagt Mama. „und Vielleicht heisst auch nein!“, sagen Gecko und Mama im Chor. Denn das sagt Papa jedes Mal, wenn er „Vielleicht“ sagt.
Im Wartezimmer liest Mama vor. Ferro spielt mit einer riesigen Holzente. „Määh“, sagt er. Gecko kichert. Mama schüttelt den Kopf. „Quak, quak, Ente!“, sagt sie.
„Nein, Ferro, genau, die macht Määh!“, sagt Gecko.
„Hey!“, sagt Mama. „Er kommt aus dem All, er weiß nicht, wie eine Ente macht!“ Gecko sieht Mama überrascht an. Die glaubt das doch gar nicht wirklich, oder? Mama zieht die Schultern hoch. „Manchmal möchte ich wirklich glauben, dass er aus dem All kommt. Denk doch, das würde einiges erklären!“
Gecko nickt eifrig.
„Familie Holzscheyt“, sagt die Sprechstundenhilfe. Gecko weiß den Weg ins Arztzimmer. Mama nimmt Ferro auf den Arm und folgt ihnen.
Die Ärztin kennt Gecko schon ewig. Sie ist nett. Sie heißt Frau Sanelli. „Hallo Georg“, sagt sie und schüttelt Gecko die Hand. Gecko heißt nämlich eigentlich Georg. Das vergisst er manchmal aber sogar selbst, denn fast keiner nennt ihn so. Frau Sanelli gibt Mama die Hand und sieht sich Ferro dann genauer an.
„Dich kenne ich noch gar nicht“, sagt sie freundlich.
„Allo!“, sagt Ferro und winkt.
„Du bist also vom Himmel gefallen, ja?“, fragt Frau Sanelli.
Ferro zieht die Schultern hoch.
Er muss etwas malen und zeigen, wie er schon laufen kann. Dann wird er gemessen (er ist schon 88 cm groß, das ist bald ein Meter) und gewogen. Frau Sanelli und Mama können nicht fassen, wie schwer er ist. Er wiegt 25 kg. Dabei sieht er gar nicht dick aus.
„Das liegt sicher daran, dass er aus dem All kommt“, meint Gecko.
Frau Sanelli schlägt vor, ihn zu Hause noch einmal zu wiegen. Die Waage muss kaputt sein.
Dann muss Ferro sich ausziehen. Das macht er gerne. Das meiste kann er auch schon allein ausziehen. Er wird abgehört auf der Brust.
Und dann will Frau Sanelli in seinem Mund sehen. Ferro presst die Lippen zusammen und schüttelt den Kopf. Frau Sanelli bittet Gecko den Mund zu öffnen, damit Ferro sieht, dass sie ihm nichts tun will. Doch Ferro bleibt stur.
„Ach komm!“, sagt Gecko. „Du darfst dafür auch nachher ein Eis essen!“
Mama rollt mit den Augen: „Davon weiß ich aber nichts!“
„Aber ich weiß das!“, sagt Gecko und grinst.
Ferro schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen. Frau Sanelli sieht in Ferros Ohren. Dann sagt sie wieder: „Und jetzt den Mund auf!“ Ferro ist überrumpelt und klappt den Mund auf. Frau Sanelli steckt ihr Holzplättchen in seinen Mund, da passiert es.
Sie zuckt zurück, Ferro faucht, wie eine Katze, windet sich auf Mamas Schoß und dann! Gecko hat es ganz genau gesehen! Kommt eine kleine Stichflamme aus Ferros Mund. Das Holzplättchen fängt Feuer. Frau Sanelli lässt es mit einem kleinen Schrei fallen und Mama tritt es rasch aus.
Ferro ist in dem Tumult verschwunden. Gecko sucht nach ihm. Da hört er ein leises Husten, und entdeckt Gecko: Er hat sich unter der Untersuchungsliege verkrochen.
Mama und Frau Sanelli sitzen da, als hätte ein Blitz in sie eingeschlagen. Gecko hat die beiden noch nie so verdutzt gesehen. Frau Sanelli räuspert sich und sagt: „Ungewöhnliches Kind“
Mama lacht unsicher. „Ja, wirklich, das ist er!“
„Ich sage doch, dass er aus dem All kommt!“, sagt Gecko. Frau Sanelli und Mama wechseln einen Blick.
Dann hockt sich Frau Sanelli auf den Boden und sieht unter die Liege. Sie sagt: „Ich schau dir jetzt nicht mehr in den Mund, du kannst rauskommen!“ Sie streckt die Hand aus und Ferro krabbelt unter der Liege hervor. „Ok?“, fragt er Frau Sanelli und winkt. Er geht zur Tür und legt die Fingerspitzen auf die Klinke. Auf machen kann er sie noch nicht. Doch Gecko ist sich nicht sicher, was Ferro alles könnte. Immerhin hat er gerade Feuer gespuckt. Wie ein richtiger Drache. Wenn das nicht super ist!

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