Warum wir beim Thema Selbständigkeit umgedreht denken müssen!

Das Thema Selbständigkeit scheint eins der wichtigsten Erziehungsziele in unserer Gesellschaft zu sein. Doch kann man Selbständigkeit überhaupt “Erziehen”?

„Ich werde mein Kind nicht so verwöhnen!“, das dachte ich, als ich noch junge Erzieherin war und den Eltern „beim Versagen“ zusah. Dann bekam ich selbst Kinder.

Mein Mann und ich sind beide Erzieher. Natürlich wollten wir alles Richtig machen. Nur ja keine tyrannischen Rotzlümmel erziehen. Schon gleich klarstellen, dass ich nicht deren Putzfrau bin. Aufräumen am besten üben, sobald das Kind greifen kann. Gleich klarmachen, wer der Chef im Hause ist.

Im Nachhinein hört es sich ein bisschen so an, als hätte ich Angst vor meinem Nachwuchs gehabt. Passt du nicht auf, frisst er dich mit Haut und Haaren und schielt schon gierig nach dem Nachbarn, ehe er noch runtergeschluckt hat. Also gleich in Schach halten.

Wie erstaunlich war doch da die Information der Hebamme:
„Dies gilt fürs erste Säuglingsjahr: du kannst dein Kind nicht verwöhnen. Du darfst es herumtragen, stillen, ihm so viel Nähe bieten, wie es sich wünscht und dabei machst du nichts falsch“.
Erleichterung! “Also das erste Jahr ist mein Kind noch keine Gefahr”.

Wie sehr wir die Kinder unserer Eltern und deren Eltern sind. In unserem Innern tönen die Warnungen weiter: das Kind wird nicht selbständig, pass auf, es lernt nicht auf eigenen Füßen zu stehen. Willst du einen Kerl großziehen, der noch mit 16 an der Brust nuckelt? Wenn du jetzt nicht durchgreifst, tanzen sie dir auf der Nase herum.
Pisa und Winterhoff taten ihr Bestes um diesen Eindruck des gefährlichen Nachwuchses noch zu verstärken.

Doch solange wir unsere Kinder wie das reinste Gefahrengut behandeln, werden sie es auch sein! Mit meinem ersten Buben kämpfe ich noch heute unwillkürlich um die Vorherrschaft in der Familie. Denn, was hat er von mir gelernt? Man muss den anderen erstmal zeigen, wer das Sagen hat! Das hat er prima von mir abgeguckt. Nur langsam können wir aus dieser Machtkampfspirale wieder aussteigen. Und wenn es gelingt: ist es richtig schön Kinder zu haben! Das tut dann auch „nicht mir mehr weh wie ihm“, sondern ist für alle bereichernd und harmonisch.

Selbständigkeit (von Außen):

Dieses Wort scheint das oberste und wichtigste Ziel zu sein. Kinder sollen möglichst früh möglichst unabhängig und selbständig sein. Oft hört man noch immer das altbewährte und völlig unnütze „Was Hänschen nicht lernt…“. „Wenn er jetzt nicht lernt, sich aus seinem Tief zu ziehen, dann kann er es später auch nicht selbst“. Das Damoklesschwert hängt über uns Eltern: Wollen wir wirklich depressive Faulbären heranziehen, die sich antriebslos und unselbständig in unserem Keller einnisten und nichts auf die Reihe kriegen? Nein! Das wollen wir nicht! Deshalb lassen wir uns auch unter Druck setzen, unsere Kinder möglichst selbständig zu erziehen.
Hier gilt es aber „umverkehrte Welt“ (Zitat, mein Sohn) zu spielen. Je mehr wir unsere Kinder in die Selbständigkeit treiben, sie von ihnen verlangen, sie allein lassen, damit sie es lernen, desto länger brauchen sie. Es ist sogar so, dass Kinder, die schon ganz früh ganz selbständig sein müssen, immer irgendwo in sich tief vergraben nach Geborgenheit und Anlehnung suchen. Einen Menschen suchen, der sie annimmt, wie sie sind und der die Nähe zulässt.

Das hat einen klaren Grund: Selbständig zu sein ist eine Qualität, die von innen kommt. Wenn wir sie von Außen auferlegt bekommen, kann es mit einer Ablehnung gleichgesetzt werden. Dem Gefühl abgeschoben und weggedrückt zu werden.

Das Gefühl „sich etwas nicht zu trauen“ wird oft übergangen. Sätze wie „Jetzt stell dich nicht so an“ bedeuten für das Kind einzig, dass sie in ihrem Gefühl nicht ernst genommen werden. Der Kampf verlagert sich dann auf eine Ebene, wo er nicht hingehört: es geht dann darum, in seinem Gefühl ernst genommen zu werden und nicht mehr darum, diese Situation zu meistern. Ich finde mich bis heute noch in diesen verkehrten Kämpfen wieder. Bei dem es mir dann darum geht, das ich beweisen möchte, das ich „es eben nicht kann!“, anstatt, wie gefordert, zu beweisen, dass ich es kann.

In dem Buch „Kind sein zwischen zwei Welten“ von Elisabeth Marquardt geht es um Scheidungskinder. Sie werden oft und in erster Linie für ihre Selbständigkeit gelobt. Sie können schon früh viel Verantwortung für sich und ihre Umwelt übernehmen und benehmen sich augenscheinlich reif und angepasst. In unzähligen Studien über „nach außen hin“ erfolgreiche Scheidungskinder, wird in diesem Buch darüber gesprochen, wie einsam sie doch zwischen ihren zwei Welten sind und welche seelischen Probleme, Bindungsängste daraus entstehen können. (Gut an dem Buch ist allerdings auch, das es absolut nicht dazu dienen soll, Menschen, die sich scheiden lassen, ein schlechtes Gewissen einzureden, oder mit dem Finger auf sie zu zeigen, was ich ebenso wenig bezwecken möchte!)

Eine von Außen „erpresste“ oder „erzogene“ Selbständigkeit ist nichts anderes als ein „Zusammenreissen“, ein „Gefühle unterdrücken“ einer Person und kann unmöglich gesund oder nachhaltig positiv auf den Menschen wirken.

Das Problem: wir denken viel darüber nach, wie wir und unsere Kinder auf andere Menschen wirken. Wenn du deinen Vierjährigen im Kindergarten abgibst und er klammert sich an dein Bein und schreit, dann kommt in der Regel keine Erzieherin und sagt verständnisvoll: „Ich glaube er ist noch nicht so weit“. Eher wird die Szene mit wachsamen Blick beobachtet und man kann oft schon diese Sätze in Gedanken hören: „Die Mutter ist bestimmt eine Glucke!“ oder „Die Bindung ist zu stark“ oder „Die Mutter kann sich wahrscheinlich nicht lösen/nicht durchsetzen/lässt sich auf der Nase herumtanzen/tanzt nach der Pfeiffe/hat definitiv einen Tyrannen erzogen“. Vielleicht denkt diese Sätze ja sogar niemand, es reicht ja, dass die Mutter selbst denkt, man könnte so was von ihr denken!

Auch in anderen Situationen, stehen wir schnell unter dem Druck das Gedankengut alter Zeiten zu hören. Der 1 ½ Jährige will bei der Ankunft der Oma nicht auf ihren Arm. Er dreht fremdelnd den Kopf weg und versteckt sich an Mamas Schulter. Die Oma ist enttäuscht. „Aber ich bin doch die Oma!“ Und wie viel Kraft braucht es dann, dem Kind diesen Spielraum zu lassen? Zu sagen: „Jetzt will er noch nicht zu dir, aber bestimmt nachher, wenn er sich wieder an dich gewöhnt hat!“

Selbständigkeit umfasst in unseren Augen viele Tätigkeiten des Alltags. Brote streichen, sich anziehen, aufs Klo gehen, die Hausaufgaben erledigen, Geige zu üben und vieles mehr. Ich fordere hier nicht dazu auf, unsere Kinder zu helikoptern und ihnen alles abzunehmen, was sie lernen könnten. Bei uns hier gibt es sogar die klare Regel: „wenn du auf ein Klettergerüst noch nicht drauf kommst, dann bleibst du eben unten. Der Tag, an dem du das lernst, kommt schon noch“. Doch oft brauchen unsere Kinder uns genau bei diesen Tätigkeiten des Alltags scheinbar mehr, als sie es eigentlich in unseren Augen nötig hätten. Doch die Hilfe bei diesen Tätigkeiten ist nichts anderes als eine Art Zuwendung, Nähe, Liebe, Bindung. Wenn mein Vierjähriger müde ist, kann er kein Brot alleine streichen, er sitzt da und weint und die Butter ist zu hart und das Brot ist doof, weil es voller Körner ist. Wenn er fit und munter ist, klappt das super. Warum also sollte ich ihm diese Stütze, diese Zuwendung verweigern, wenn er müde ist? Würden wir nicht auch am allerliebsten jemanden haben, der uns bei unseren Aufgaben hilft, wenn wir müde sind?

Natürlich gibt es hier auch die andere Seite der Medaille. In der “Verwöhnfalle” von Albert Wunsch weist der Autor darauf hin, das es schädlich ist, den Kindern alle Wünsche zu erfüllen und sie damit schwach und desinteressiert zu machen. Denn beim Kind entsteht dann der Eindruck, es wäre zu unkompetent und blöd um Aufgaben zu übernehmen. In diesem Artikel geht es um die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis.

Eine schwere Aufgabe für uns Eltern, diese beiden zu trennen und zu unterscheiden. Hier ist unsere Intuition gefragt!

Hülle

Wenn wir unseren Kindern die nötige Nähe geben, ihnen Hülle und Geborgenheit gönnen, können sie groß werden, auch im Innern und wollen dann in die Welt hinaus ziehen. Sie wollen selbständig werden und auf eigenen Beinen stehen. Doch selbst ein 2 – Jähriger, der ständig „selber machen!“ will, braucht den Rückhalt und die Begleitung der Bezugspersonen. Er braucht einen sicheren Hafen, in den er sich flüchten kann. Ein Knuff in den Rücken ersetzt keine Begleitung und Fürsorge.

Im ersten Jahr, in den ersten Wochen und Monaten des Säuglings diese Bindung aufzubauen und zu pflegen hat sich bereits herumgesprochen. Wir achten kurz nach der Geburt aufs „Bonding“, sind uns bewusst wie wichtig unsere Bindung zu unseren Säuglingen ist. Wir tragen sie im Tragetuch oder der Tragehilfe und wissen, dass Körperkontakt und körperliche Nähe sogar lebensnotwendig ist.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Kinder sich ausgesprochen gut lösen können. Sogar so gut, das mir Angst und Bange wird. Mein 6 – Jähriger geht manchmal nach dem Kindergarten noch direkt am Nachmittag zu Freunden nach Hause. Damit ist er dann den ganzen Tag außer Haus. Er liebt das und freut sich darüber. Er möchte am liebsten alle aus dem Kindergarten besuchen.
Ich merke ihm am Abend aber oft eine gewisse „Dünnhäutigkeit“ an. Er jammert schnell oder klagt über Bauchweh. Dann hilft es gut, wenn einer von uns ihn einölt, ihm beim Umziehen hilft, ihm eine Wärmflasche bereitet.

Hülle zu geben hat mit Wärme, mit Zuwendung, mit Liebe zu tun und genau das ist auch nach dem ersten Jahr noch ganz oft wichtig. Meine Söhne lieben unsere „Kupfersalbe rot“: man kann sie dünn auf die Füße auftragen, dann wärmt sie leicht, verbrennt aber nicht. An Tagen, an denen ich meine, das sie mehr „Hülle“ nötig haben, ölen wir sie oder sie bekommen Kupfersalbe rot auf die Füße gestrichen.
Es geht darum, sich Zeit für die Kinder zu nehmen. Sie auf den Schoß zu lassen. Vielleicht eine Decke darüber zu breiten und vorzulesen.
Es geht sogar darum, auf die Wärme beim Anziehen zu achten. Natürlich sollen Kinder auch lernen, einzuschätzen, was sie zum Anziehen brauchen. Andererseits ist Wärme nicht zu unterschätzen. Im Waldkindergarten ist das natürlich sowieso ein Thema.

Zur Hülle und Geborgenheit gehört auch das Singen. Es mag seltsam klingen, aber Singen beruhigt das Gemüt, hellt die Stimmung auf, schafft Fröhlichkeit und Nähe. Wenn mein Kleinster nur noch schreit, weil er müde ist, weil er jetzt nicht die Bürste im Klo versenken darf, die dreckigen Gummistiefel nichts ins Bett anziehen darf, dann nehme ich ihn auf den Arm und singe. Singen beruhigt mich: ich nehme seine Gefühlslage damit leichter an und kann besser damit umgehen. Und es beruhigt ihn. Er fühlt sich aufgehoben und geborgen und kann sein negatives Gefühl umlenken auf etwas, das ihm gefällt. Dabei muss man absolut keine Opernarien zustande bringen. Ein einfaches „Häschen in der Grube“ reicht vollkommen. Bei meinem ersten Kind habe ich sogar noch „Subway to Sally“-Texte gesungen, weil Kinderlieder für mich damals noch so fern waren. Das macht in einem gewissen Alter überhaupt keinen Unterschied.

“Du gibst auch Hülle, wenn du in Gedanken bei deinen Kindern bleibst. Selbst wenn ihr euch nicht am gleichen Ort auf haltet, kann es Hülle geben, die Bindung halten, wenn du gedanklich immer wieder zu deinen Kindern zurück kehrst, an sie denkst und sie nicht vergisst, während du dich mit anderen Dingen beschäftigst. Das merkst du sofort, wenn du sie dann wieder triffst, du gehst ganz anders auf sie zu und die Bindung ist schneller da, oder hat eben nicht aufgehört zu existieren”, sagt mein Mann.

Innere Selbständigkeit


Durch die Geborgenheit und Bindung, die wir unseren Kindern geben, erfahren sie Sicherheit. Und zwar nicht nur im ersten Jahr. Sicherheit macht mutig und selbständig. Und solange sie es brauchen (!!) sollten Kinder auch Bindungspersonen zur Verfügung haben, die ihnen genau diese Sicherheit vermitteln können. Und wenn das länger dauert, als bei anderen Kindern, oder als vom Wirtschaft und Gesellschaft erwünscht: dann ist es eben so.

Durch die Texte über die bedürfnisorientierte Erziehung (gewuenschtestes-wunschkind.de,elternmorphose.de und Familienleicht), habe ich angefangen, meine Kinder viel mehr zu respektieren – und zwar auch mit meinen Taten und meiner Sprache. Mein Gedanke war irgendwann: „die werden dadurch ganz schön groß“. Das war ein Schlüsselerlebnis. Mein kleinster Sohn lernt jetzt schon, dass sein „Nein“ möglichst gehört und umgesetzt wird. Dass er (wenn möglich) auch mal ohne Socken los rennen darf, wenn er es möchte. Dass er mir eine Mütze bringen darf, die ihm gerade gefällt (wir haben ungefähr hundert Mützen hier) und ich merkte immer mehr, das er kaum noch „zu bändigen“ ist. Das war eben der Gedanke: er wird riesig. Seine Persönlichkeit wächst. Er wird sehr stark. (Und nein: wie das Kapitel über „Hülle“ zeigen wird, bin ich kein Fan von „in Unterhosen auf dem Fahrrad bei Minusgraden, nur weil das Kind es so wollte“)

Zuerst war ich erschrocken. Ist es dass, was wir wollen? Kinder, die sich schwerer lenken lassen? Die sich nicht sehr beeindrucken lassen von unseren „Erziehungsversuchen“? Wird er anecken? Wird es Probleme geben?
Einerseits ja. Denn viele habe noch immer irgendwo tief in sich verankert die Meinung: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“. „Kinder sollen gehorchen“. „Achtung Tyrann im Anmarsch!“ Und immer wieder ertappe ich mich selbst bei solchen Gedankengängen.

Doch schauen wir uns dieses „Ergebnis“ genauer an: wir bekommen starke Persönlichkeiten, die innerlich groß werden und die es gewohnt sind, respektiert zu werden. Die ihre Gefühle zeigen können und darin Begleitung erfahren haben. Und nur das, was ein Mensch erlebt, kann er auch an andere weitergeben!

Keine künstlich klein gehaltenen Duckmäuser, die machen, was man ihnen sagt.

„Sie werden tatsächlich groß“, durch diese Art des Umganges. Und das sollen sie ja auch! Was kann ich meinen Söhnen denn noch mehr wünschen, als das sie stark, selbstbewusst und „groß“ in die Welt hinaus ziehen. Unsere Aufgabe ist es nur, uns daran jetzt zu gewöhnen.

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