Serie: Georg Holzscheyt und das Universum (Kapitel I)

Sternenwunsch

(für meine Jungs)

Gecko Holzscheyt ist ein kleiner Junge. Er ist kein Außerirdischer und weiss auch nicht, wie einer aussieht. Er fragt seiner Mama gerne Löcher in den Bauch über Sterne und das Weltall. Manchmal erklärt Mama gerne.
„Das Weltall ist riesig, so riesig groß, dass es kein Ende hat. Und vielleicht sind tausende verschiedene Welten darin“, hat sie einmal erzählt.
„Und wo ist das Weltall?“, fragt Gecko.
„Wir sind mittendrin“
„Aber ich kann es nicht sehen, wo ist es denn?“, fragt Gecko.
„Schau in der Nacht hoch in die Sterne, dort siehst du es“. Erklärt Mama. Dann fällt ihr etwas ein: „Und dann gehst du aber schnell wieder schlafen, klar?!“

Manchmal hat Mama keine Lust zu erklären, dann sagt sie: „Ich kann grade nicht alles gleichzeitig machen, frag doch Runa!“ Runa ist Geckos große Schwester. Die muss Hausaufgaben machen und sitzt am Küchentisch. „Ich kann gerade nicht alles gleichzeitig machen…“, sagt sie. Gecko lehnt sich über den Tisch und beginnt an den Heften zu wackeln, die vor ihr liegen. Runa muss schreiben, aber das kann sie nicht, wenn Gecko wackelt.
„Hör auf!“, ruft sie wütend. „Wenn du mir sagst, wohin die Raumfahrer Pippi machen!“ Sagt Gecko.
„Lass mich in Ruhe! – Mamaaaa!“ Schreit Runa.
Dann steht sie aber doch auf und geht mit Gecko hinauf ins Treppenhauseck. Sie schaltet den Computer an und dann kann sie nachsehen, wohin die Raumfahrer Pippi machen. Weil Runa schon lesen und schreiben kann. Und sie hat mit Mama und mit Papa geübt, wie sie im Internet etwas findet. Die Raumfahrer müssen in eine Flasche pinkeln. Gecko darf sogar ein Bild von so einer Flasche ansehen. Gecko ist nicht sicher, ob er so was könnte. In eine Flasche pinkeln.
„Iih und wenn es daneben geht, fliegt es im Raumschiff herum!“, sagt Runa und schüttelt sich. Dann macht sie den Computer wieder aus, weil Mama ruft.

Gecko wohnt im schönsten Haus der Welt. Es liegt über einer kleinen Stadt und man sieht den See. Der ist so groß, das im Sommer Segelboote darauf fahren und Surfer. Wenn Gecko groß ist, wird er auch Surfer und Seegelbootfahrer. Jetzt kann er aber noch nicht schwimmen. Das Haus sieht aus wie ein Hexenschloss. Rundherum wächst Efeu an den Wänden. Gecko hat deshalb richtig viele Spinnen in seinem Zimmer. Er versteckt sich im Bett und gruselt sich vor ihnen. Runa holt ein Glas und fängt die Spinnen ein. „Wie bei richtigen Hexen“, sagt Runa und kitzelt Gecko, als wenn ihre Finger Spinnenbeine wären.

Das Haus hat auch eine echte Hexe, die wohnt unter ihnen. Sie hat wilde Locken und macht lauter Hexensachen. Wenn Gecko in den Garten will, muss er an ihrer Wohnung vorbei schleichen. Er rutscht am liebsten über das Geländer, weil das keinen Lärm macht. Runa und Gecko nennen sie „Wetterhexe“. Sie lacht darüber, wenn sie es hört, denn ihr Nachname ist „Wetter“. Dann tut sie so, als würde sie Runa und Gecko verzaubern.
Manchmal zündet die Wetterhexe im Garten ein Lagerfeuer an und tanzt mit ihren Hexenfreundinnen ums Feuer. Runa und Gecko sitzen dann oben am Fenster und schauen ihr zu. Runa sagt immer wieder: „Aber in echt gibt’s gar keine Hexen!“
Oder?

Gecko hat in der Hecke eine Höhle gebaut. Dort liegen Isomatten auf dem Boden und manchmal bringt Mama ihm Rosinen und Nüsse als Picknick. So richtig Spaß würde das aber nur machen, wenn Gecko noch einen Bruder hätte. Den wünscht er sich von Mama. Mama lacht darüber und sagt: „Aber das wäre auch ganz schön viel Arbeit, weißt du? Und dann wäre er winzig klein und würde nur weinen oder schlafen. Mit dem könntest du ewig nicht spielen!“
„Und wenn ich es doch könnte?“, fragt Gecko.
„dann müsstest du ihn schon groß zaubern“, sagt Mama.
„Da frag ich die Wetterhexe dafür!“, sagt Gecko zuversichtlich.

Runa und Gecko suchen am Abend das Weltall. Dafür haben sie die beste Aussicht in ihrem Zimmer: das hat ein Fenster hinaus auf den See und den Himmel und die vielen, vielen Sterne. Runas und Geckos Zimmer ist rund, weil es ein Turmzimmer ist, wie bei einem echten Schloss. Dadurch sieht man noch mehr aus dem Zimmerfenster. Mama schüttelt die Betten zurecht und räumt Kleider auf. Papa ist auf Geschäftsreise. Das heißt er muss zum Arbeiten so weit weg fahren, das er nachts nicht heimkommt.
„Eine Sternschnuppe“, ruft Runa.
„Ich will sie auch sehen!“, quengelt Gecko enttäuscht.
„Da!“, ruft Mama. „Ich schenk dir meine, du darfst dir was wünschen, ja?“
Und Gecko wünscht. Er wünscht sich einen Bruder zum spielen. Er sieht zu Mama und überlegt, ob sie es gut fände, dass er ihren Wunsch dafür nimmt. Mama hätte sich wohl eher keinen Bruder zum spielen für ihn gewünscht. Oder?
Sie sehen auch das Weltall. Es ist dunkel und unendlich, unendlich, unendlich. „Wenn man da hinein fliegt, sieht man so viele Sterne, immer mehr. Und dann sieht unsere Erde irgendwann aus wie eine blaue, leuchtende Kugel. Und dann wie ein kleiner, leuchtender Ball, wie ein Stern“, sagt Mama. „Man kann sich vorstellen, dass man auf einem anderen Stern landet und dort sind freundliche Wesen, die haben rote und orangenfarbige Haut und 10 Finger an jeder Hand. Sie können fliegen und singen, wenn sie sprechen“.
„In echt?“, fragt Gecko.
„Ich weiß nicht“, sagt Mama. „Ich war ja noch nicht dort!“

Wenn eine Sternschnuppe fällt, darf man sich etwas wünschen. Aber der Wunsch geht nur dann in Erfüllung, wenn man ihn geschenkt bekommt. Wusstest du das? Gecko wusste es nicht. Aber dann geht es genau so in Erfüllung: Gecko bekommt seinen Bruder. Er sitzt eines Tages einfach da. Im Garten. Genau vor Gecko und Mama. Wie aus dem Boden gewachsen oder vom Himmel gefallen.
Mama sagt: „nein!“
Gecko sagt: „Zack!“, das sagt er immer, wenn er von etwas überrascht wird. Und dann fragt er: „Ist das mein Bruder?“
Mama lacht komisch. Sie geht auf den kleinen Jungen zu. Er hat rote Locken und trägt ein grünes Hemdchen. Seine Augen sind ebenso grün wie das Gras. Er streckt die Arme nach Mama aus und Mama nimmt ihn hoch. Sie schaut sich um. Keiner sonst ist da.
„Er muss aber doch jemanden haben, Gecko, sieh mal nach!“ Ruft Mama erschrocken. Gecko gehorcht und sieht auf dem Hof nach, der zur Straße herraus führt. Er geht sogar vorsichtig bis an die Straße. Niemand und Nichts. Auch auf der anderen Seite nicht.
Mama läuft mit dem kleinen Jungen um das ganze Haus herum. Niemand und Nichts. Und wieder Nichts.
Sie rufen.
Sie warten.
Sie fragen den kleinen Jungen. Der zuckt mit den Schultern.

Mama wird ganz aufgeregt. Sie trägt den Kleinen ins Haus. Gecko geht hinterher. Der Kleine Junge sieht über Mamas Schulter und winkt Gecko zu. Gecko grinst und winkt zurück. „Sag ich doch, das ist mein Bruder“, murmelt Gecko vor sich hin. Aber er traut es sich nicht mehr laut zu sagen.
Mama sucht hektisch das Telefon und wählt die Nummer der Polizei.
Der kleine Junge sitzt auf dem Boden in der Wohnzimmerküche und versucht aufzustehen. Er plumpst immer wieder hin und verzieht erstaunt sein Gesicht. Er kann auch reden. Gecko kichert. Das klingt ungefähr so: „Rebelwa warrbli Rebelwebelbu da!“
„Ok“, sagt Gecko. „Hier versteht man so eine Sprache nicht!“
„Ok!“, ruft der Kleine. „Ok, ok, ok, ok!“
Gecko lacht. „Ok“, sagt er. Und jetzt sagst du noch: „Gecko! Das ist nämlich mein Name“.
„Gecke!“, sagt der Kleine. „Toll“, ruft Gecko. Er zeigt auf sich und sagt: „Gecko. Verstanden?“
Der Kleine nickt.

Gecko hätte gar nicht gedacht, was für Leute kommen, wenn ein Kind vom Himmel fällt. Die Polizei jedenfalls, das ist spannend. Der Kleine und Gecko sitzen zusammen am Fenster und sehen, wie die blinkenden Autos parken. Der Kleine macht riesige Augen.
Männer in Polizeiuniformen steigen aus.
Mama redet mit ihnen und sie kommen um den Kleinen anzusehen. Der hat es jetzt geschafft, sich am Stuhl festzuhalten und aufrecht zu stehen. Er winkt und sagt: „Ok!“
Mama muss mit tausend Leuten reden und Gecko darf in der Küche Brote toasten. Er kann schon Butter darauf machen und Mandelmus. Das mag der fremde Junge gerne.
Er nickt und isst und sagt zwischendurch: „ok“

Die Polizisten wissen auch nicht, was sie mit dem Jungen, der vom Himmel gefallen ist anstellen sollen. Sie rufen wieder andere Leute an. Von einem Amt. Gecko hat keine Ahnung was ein Amt ist. Aber dann taucht jemand auf, den Gecko kennt: die Wetterhexe. Ihre Nachbarin. Sie sieht gekämmt aus und hat schöne Kleider an. Sie arbeitet auf dem Amt. Gecko staunt. Ja, stimmt, vielleicht hat er mal so was gehört. Aber er weiß eben nicht, was ein Amt ist, deshalb hat er es vergessen.
Aber was sie dann sagt, kann Gecko gut verstehen. Er ist ja nicht dumm und hört ganz genau zu. Sie sagt: „Solange wir seine Eltern nicht finden können, muss er bei jemandem wohnen. Ich werde mal telefonieren“. Gecko zupft Mama am Ärmel. Mama sagt: „Gleich“
Gecko zupft wieder.
„Was ist denn?“, fragt Mama.
„Er sollte hier bleiben!“, sagt Gecko bestimmt. Mama starrt ihn mit offenem Mund an. Dann schluckt sie und überlegt. Gecko kennt Mama schon seit 6 Jahren. Seit er auf der Welt ist. Und vielleicht schon länger. Er weiß, wenn Mama „ja“ sagen will. Dann sieht sie so aus wie jetzt.

Erwachsene brauchen für alles so lang. Sie sind so umständlich. Wenn Gecko so umständlich wäre, dann könnte er überhaupt nichts mehr selber machen, denkt er. Wenn Mama dann sagen würde: „Zieh dir Schuhe an!“, dann müsste er erst mal zwei Stunden lang um seine Schuhe herum hüpfen. Dann würde er 4 Bilder von seinen Schuhen malen. Dann würde er die Bändel verflechten und wieder auf knoten. Und dann könnte er sie erst anziehen. Genau so lang brauchen Erwachsene nämlich für manche Sachen.
Wenn ein Junge vom Himmel fällt, scheinen alle Erwachsene ganz außer Rand und Band zu sein. Sie können nichts Normales mehr machen. Sie reden und telefonieren und dann reden sie wieder.
Gecko wird ganz müde davon. Der kleine Junge übrigens auch. Er reibt sich die Augen und gähnt. „Ich hol dir was Tolles!“, sagt Gecko. Er klaut sich den Dachbodenschlüssel und holt seine Kiste mit Flitzeautos vom Dachboden. Mama räumt immer alles weg, was Gecko nicht festhält und deshalb ist auch seine Autokiste auf dem Dachboden. Der fremde Junge schaut sich die Autos verwundert an und Gecko muss ihm zeigen, wie sie fahren. Da lacht der fremde Junge und klatscht in die Hände.
Gecko hat noch ein größeres Baby-Auto in seiner Kiste. Wenn man oben drauf drückt, flitzt es durch den Raum. Das mag der kleine Junge am liebsten. Sie sitzen sich gegenüber und fahren sich das Auto zu. „Gecko!“, ruft der Junge begeistert.

Die Polizisten sind inzwischen wieder weg. Mama und die Wetterhexe unterschreiben am Küchentisch Papier. Mama seufzt ein paar Mal und wirft einen unsicheren Blick auf den fremden Jungen. Der krabbelt jetzt dem Flitzeauto hinterher und fischt es unter dem Sofa hervor. Er setzt es auf den Boden und drückt mit Schwung auf das Dach. Es flitzt. Mama unterschreibt wieder.

Dann sind alle fremden Wetterhexen weg. Mama, Gecko und der kleine, neue Bruder sitzen im Kreis auf dem Boden und schauen sich an. „Er sollte einen Namen haben“, sagt Gecko, weil Mama so aussieht, als wüsste sie nicht genau, was man als nächstes tun solle.
„Ja, stimmt“, sagt Mama.
„Aber er hat bestimmt einen Namen. Nur kann er den nicht sagen, denke ich!“
„Wir können es versuchen“, schlägt Gecko vor. Er zeigt auf sich und sagt: „Gecko“.
Der Kleine nickt. „Gecko!“, ruft er. Mama lächelt.
„Mara“, sagt Mama und deutet auf sich. Denn auch Mamas haben eigene Namen. Mara ist der Name von Geckos Mama.
„Mama“, wiederholt der Kleine. Gecko lacht. Mama nicht. Jetzt zeigen Mama und Gecko auf den Kleinen. Sie sehen ihn fragend an.
„Ferro!“, sagt der Kleine. Mama staunt, Gecko klatscht. „Ferro!“, sagt Gecko. „Hallo Ferro!“
„Ob das echt sein Name ist?“, murmelt Mama.
„Ist doch egal, jetzt heisst er so!“, ruft Gecko.
„Hallo Ferro“, sagt jetzt auch Mama.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on Twitter

Wenn Du einen Kommentar hinterlassen willst, freut mich das sehr!